Montag, 20. August 2018


Nachtrag:
Am Montag, dem 13. August 2018, ist Georges Hausemer im Aachener Universitätsklinikum an seiner Tumorerkrankung gestorben.

Samstag, 9. Juni 2018

Eine Chronik (75)


Zwei Tage später, wie gehabt, die monatliche Spritze. Diesmal ohne zusätzliche Kontrolle der Blutwerte, ohne Gesprächstermin mit der Onkologin. Einfach nur die Spritze. Der dickflüssige, milchige Stoff, der sehr sehr langsam in die Hüfte injiziert wird.
Während sie schräg hinter mir steht und ihre tägliche Arbeit verrichtet, verrät mir die gutgelaunte Asiatin, dass sie in den letzten Tagen ebenfalls krank war. Ein bisschen zumindest, sagt sie. Erkältung?, frage ich zurück. Na ja, erwidert sie, eine Art Erkältung. Ich ahne, dass sie nicht über das sprechen möchte, was genau sie hatte. Vielleicht schummelt sie und hatte in Wahrheit gar nichts, will aber, dass ich mich besser fühle, wenn ich erfahre, dass sogar Krankenschwestern und anderes Pflegepersonal manchmal krank werden.
Dabei fühle ich mich gar nicht schlecht. Und dass ich bei weitem nicht der einzige Kranke bin und andere viel schlimmer dran sind, weiß ich spätestens, seit ich in der hämatologisch-onkologischen Praxis in W. ein und aus gehe.
Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Draußen scheint die Sonne. Wir haben Hunger. Da S. heute Geburtstag hat, beschließen wir, nicht sofort an unsere Schreibtische zurückzukehren, sondern eine Kleinigkeit essen zu gehen. Wir landen im lauschigen Laubengarten des türkischen Restaurants, das wir schon häufiger nach Arztterminen aufgesucht haben. Köfte, Salat, Reis, überbackene Aubergine, dazu alkoholfreies Bier im Schatten.
Wein vertrage ich seit drei Jahren nur noch in Spanien und auf Reisen. Seltsam. Etwas Psychosomatisches? Wir verstehen es nicht. Auch Frau Dr. K., der wir von dem sonderbaren Phänomen erzählt haben, kann es sich nicht erklären. Zum Glück munden alkoholfreie Biere und Sekte inzwischen fast so gut wie die richtigen. Nur nullprozentigen Rotwein kann man nicht saufen. Schmeckt wie gekippter Traubensaft. Wie verdünnte Buttermilch, die zu lange in der Sonne stand.    

Dienstag, 5. Juni 2018

Eine Chronik (74)


Seit ein paar Tagen zurück aus Donostia. Es waren etliche eher unerfreuliche Tage dabei, in den gut zwei Wochen, diesmal: der fast schon übliche Wohnungsärger, die Folgen der weiterhin heranschwappenden Tourismuswellen, die rauer werdenden Sitten und zunehmend unerfreulichen Gebräuche der Einheimischen, auch im Umgang mit den ausländischen Gästen. Selbst das Wetter am Atlantik war diesmal nicht recht in Form. Genauso wenig wie der wiederkehrende Besucher, dem öfter die Kräfte schwanden, gelegentlich die Energie abhandenkam, der sich zuweilen aufraffen musste, um bei Sturm, Regen und Kälte seine vier Wände zu verlassen, und sei es nur, um sich eine Tageszeitung zu besorgen. Und dann bot diese auch noch – häufiger als üblich, wie dem Gast schien – Artikel über allerlei Krankheiten, Sterben und Tod. Gut, die Fußballsaison war so gut wie vorbei, alle Entscheidungen längst gefallen. Die Strandsaison hingegen hatte noch nicht einmal begonnen, nirgendwo auch nur der leiseste Duft nach Sommer, Sand und Sonnencreme.
Das Schlimme am Krebs sei, sagte einer der Interviewpartner der Journalistin, nicht der zu erwartende Tod, auf den schließlich alles Leben hinauslaufe. Nein, das Schlimme am Krebs sei die Ungewissheit, wann und unter welchen Umständen dieser Tod dann schließlich eintrete. Und dass kein Arzt der Welt eine Prognose wagen, niemand dem Patienten ausmalen würde, wie das Endszenario und der Weg dorthin sich möglicherweise gestalten werden, womit zu rechnen, was zu erwarten sei, wie man sich auf das Unausweichliche vorbereiten könne. Das Wort Tod nimmt auch im Krankenhaus, in der ärztlichen Praxis, in den Labors und sonstigen Untersuchungsräumen niemand gerne in den Mund.  


Montag, 4. Juni 2018

Eine Chronik (73)


Der Kugelschreiber in meiner Hand ist ein ganz schlichter, altmodischer. Ein echter, nämlich von der Firma BIC, der sich nicht aufschrauben, dessen Mine sich nicht austauschen – bei den Wörtern Mine und Miene muss ich stets etwas länger überlegen, welches in dem einen oder anderen Zusammenhang das richtige ist –, aber dank eines winzigen Knöpfchens mit einem Klick im Inneren des haarfein geriffelten Plastikgehäuses zum Verschwinden bringen lässt. Nur die Farbe der Tinte, eine Mischung aus Himmelblau und Türkis, ein Ton, in dem man sich neuerdings auch Eiscreme bestellen kann – pitufo, wie es auf Spanisch heißt, also schlumpffarben –, die Farbe der Tinte also wirkt, weil vintage-artig aufgepäppelt, äußerst zeitgemäß. Während das Kügelchen an der Spitze des Schreibgeräts so geschmeidig über das Papier rollt, dass die Gedanken den Bewegungen der Hand fast nicht hinterherkommen.
Und was schreibe ich mit dem BIC, der mir plötzlich, ich weiß nicht, woher und wieso, in die Finger geraten ist?   


Mittwoch, 2. Mai 2018

Eine Chronik (72)


Stable disease: das Zauberwort. Kein Rück- und kein Fortschritt. Stabil: Mehr darf man nicht erwarten. Seit der Bronchoskopie Ende März wird mir die monatliche Somatuline-Spritze gesetzt (wie auch morgen wieder), die sechste Radiopeptidtherapie ist bis auf weiteres verschoben. Sonst nichts. Ist auch gar nicht nötig, finden nicht nur die Ärzte.
Seit Wochen keinerlei Beschwerden. Und auch gar keine Zeit dazu. Weil viel zu schreiben, zu korrigieren, zu lesen ist, wie immer eigentlich. Aber nun auch richtig Lust dazu. Die Roman-Neufassung, fast dreißig Jahre später. Die Sammlung von Kürzestgeschichten, die jeden Tag um vier bis fünf Einträge wächst: der nette Herr Fleischhauer, die völlig unverdächtige Frau Dornseiffer (mit zwei F, bitte), der kontrollierte Herr Hertel, der unbeholfene Herr Struff, die attraktive Frau Brimmeyer … Nicht zu vergessen die Verlagsarbeit: die schon vorliegende Neuerscheinung, die kurz bevorstehende Neuerscheinung. Auch Garten, Rasen, Bäume, Hecken und Sträucher wollen versorgt werden. Und für demnächst weitere Ausfahrten und Ausflüge in Planung. Et j’en passe.
Da bleibt weder Zeit noch Kraft für Kummer und Trübsal. Gut so. Ganze Tage vergehen ohne einen Gedanken ans nicht ganz normale Innenleben, das auch inspiriert, ermuntert und ermutigt. Alle anderen Gedanken kommen mir hell, klar und präzise vor, wie selten zuvor. Wie meine alte Stimme, die M. dieser Tage im Radio hörte, eine 35 Jahre alte Stimme, die M. zwar vertraut vorkam, wie sie sagte, aber gleichzeitig wie aus einer anderen Welt.   




Sonntag, 25. März 2018

Eine Chronik (71)


Heute kein Frühstück. Letzter Tropfen Flüssigkeit um Mitternacht. Muss nüchtern sein, in allen Hinsichten. Kurz nach acht kommt Pfleger S., ich soll mich waschen, Zähne putzen, mich bereithalten, ja, im Schlafanzug, das sei perfekt. Nein, er weiß nicht, wann die Reihe an mir sein wird, aber wir haben, behauptet er, derzeit eine Menge Arbeit.
Tue, wie mir befohlen. Setze mich, im Pyjama, auf das neue, vollelektrische Bett und … warte. Warte, lese Zeitung und … warte. Warte, mache ein paar Notizen, warte. Warte, starre auf die Mineralwasserflasche und … warte. Starre auf den Zugang auf meinem rechten Handrücken und … warte. Irgendwann kommt die Putzfrau. Sie sind derzeit der einzige Patient auf der Station, verrät sie, was mich wundert, nach allem, was Pfleger S. mich am Morgen wissen ließ. Ich bekomme hier auch oft komische Antworten, sagt die Putzfrau, kopfschüttelnd. Nach dem Staubwischen und feuchten Aufnehmen geht sie wieder.
Ich warte weiter. Stoße bei der Lektüre auf den Begriff Tivolikugel. Frage mich, was eine Tivolikugel wohl sein mag, bin aber zu träge, um mich mittels Smartphone auf die Suche zu machen. Stattdessen: Warten! Kurz vor elf bin ich überzeugt, dass kurz nach elf etwas passieren wird. Allmählich wird mir kalt, in meinem dünnen Schlafanzug. Ziehe mir die Daunenjacke über und … warte. Bald sind sämtliche Zeitungen ausgelesen. Wegen des Katheters in und des Verbands an der rechten Hand fällt das Schreibstifthalten mir schwer.
Um zwölf passiert immer noch nichts. Stille auf dem Flur, auch von draußen, wo nur ein paar Tauben fröstelnd in den noch kahlen Bäumen hocken und gurren, gurren, gurren. Und das leise Surren des Kühlschranks, in dem ein paar Flaschen Saft, Obst, ein Stück Marzipan verstaut sind. Aber ich muss ja nüchtern bleiben.
Kurz nach 13 Uhr kommen zwei Krankenschwestern, die ich nie zuvor gesehen haben. Ich soll mich in mein Bett legen, mir die Decke bis unters Kinn ziehen, es sei kalt auf den Fluren, zugig. Sie bringen mich zur Lungenspiegelung. Frau Dr. O. erwartet mich bereits und begrüßt mich per Handschlag. Es ist ungewohnt, jemandem beim ersten Mal im Liegen gegenüberzu… na ja … treten. Gleich verabreichen wir Ihnen eine Ladung Propofol, und Sekunden später träumen Sie von Sonne, Meer und leckeren Cocktails. Sediert werden, denke ich und merke gerade noch, wie eine Spritze mit sahnefarbener Flüssigkeit von oben in den Katheter in meiner rechten Hand geschoben wird. Ein letzter Blick auf die Wanduhr. Es ist 13:20. Beim nächsten Blick an der Mauer hoch ist es 13:45, Frau Dr. O. berührt sanft meine Wange und fragt, ob ich bereits wieder da bin. Dann zeigt sie mir die Fotos, die sie soeben in meinem Inneren gemacht hat. Nicht erschrecken, empfiehlt sie, von der roten Farbe auf den Bildern müssen Sie sich achtzig Prozent wegdenken, dann wissen Sie ungefähr, wie es da drinnen aussieht.
Apropos vollelektrisches Bett bzw. Stuhl: Für ihre letalen Giftspritzen verwenden die amerikanischen Behörden bei der Exekution zum Tode verurteilter Häftlinge ebenfalls Propofol, was der deutsche Hersteller des Produkts mit Handelsbeschränkungen in den USA zu verhindern versucht. Bisher nur mit bescheidenem Erfolg.

Samstag, 24. März 2018

Eine Chronik (70)


Ausnahmsweise wieder einmal im Klinikum in W., wo vor ziemlich exakt zwei Jahren und einer Woche alles begann. Diesmal zwecks Bronchoskopie. Aufnahme am Tag zuvor, gleich anschließend EKG, Blutgasanalyse und Lungenfunktionstest, danach auf die Station, Anmeldung beim Case-Management und Zimmerzuweisung.
Pfleger S. kommt mit einem noch in Plastik verpackten Bett hereingerollt, für Sie diesmal ein komplett neues, vollelektrisches Bett, behauptet er. Ich will wissen, ob das mit den vollelektrischen Stühlen zu vergleichen sei, die in den USA bis heute in Gebrauch sind. Haha! Obendrein der allerneueste Matratzenstandard, sagt Pfleger S., passt sich Ihrem Körper genau an, in jeder Lage. Ich teste sie mit sanftem Fingerdruck und bin einverstanden.
Statt Mittagessen wird mir ein Fläschchen Multivitaminsaft serviert, dann steht auch schon Schwester I. in der Tür. Soll mich mal kurz auf mein neues Bett setzen. Eine Minute lang schaut Schwester I. mich an und verkündet: Meine Atemfrequenz liegt bei 19, ich bin Brustatmer, wie die meisten Männer, kein Bauchatmer, wie die weibliche Mehrheit.
Was man doch immer noch an Neuem erfährt! Später etwa, beim Zeitunglesen, nachdem alle Voruntersuchungen abgeschlossen und die Mitarbeiter der Station wieder gegangen sind, dass der japanische Autobauer Nissan jüngst selbstfahrende und selbstparkende Pantoffeln entwickelt hat. Echt. Zum Glück fahren die Hausschuhe nur in Schrittgeschwindigkeit, so dass schwerwiegende Unfälle ausgeschlossen werden können.
Kurz nach 17 Uhr wird das Abendessen serviert: zwei Schreiben Körnerbrot, Hähnchen-Pastete mit Putenfleisch (!), Schmelzkäse in Staniolhülle, Marmelade in Plastikschälchen, zwei weitere Plastiktöpfchen mit Halbfett-Margarine, ein Plastikschüsselchen mit Rote-Rüben-Würfelchen. Lasse einstweilen alles stehen, kalt kann es sowieso nicht werden. Ganz davon abgesehen, dass mehr Verpackung als Inhalt aufgetischt wird.
Entdecke im Bad, über dem Waschbecken, einen mit Tesa befestigten Zettel mit der handschriftlichen Notiz Kein Trinkwasser! Seltsam, ein Krankenhaus, in dem man sich von Wasserhähnen besser fernhält.  


Dienstag, 13. März 2018

Eine Chronik (69)


Gestern, auch verführt von den nahezu ausnahmslos vor Begeisterung übersprudelnden Kritiken, in einem der dümmlichsten, unsäglichsten, verlogensten, geschwätzigsten, unsinnlichsten, unästhetischsten, unerotischsten, kitschigsten, lächerlichsten, hölzernsten, abgeschmacktesten, lust- und leidenschaftslosesten, am miesesten geschauspielerten, kurzum: der schlechtesten und folglich am meisten überschätzten Filme der letzten Jahre gewesen: „Call Me By Your Name“. Danach in einem Restaurant, wo sich die Qualität des Essens der des Films geradezu perfekt anpasste.
Im Vergleich zu den gestrigen Erlebnissen war der vorgestrige Besuch in der Autowaschstraße und die Beseitigung der Winterspuren ein künstlerischer Hochgenuss – aber nur, weil wir beim Einseifen, Abspritzen und Trocknen im Wagen sitzengeblieben waren und uns von der gratis dazugebotenen Lichtshow faszinieren lassen hatten.


Montag, 12. März 2018

Eine Chronik (68)


Ein paar Wochen Ruhe. Außer der Monatsspritze, alle 28 Tage. Und demnächst einer weiteren Bronchoskopie. Schon seltsam, wie alle diese Untersuchungen mit der Zeit an Schrecken verlieren, zumindest einen Teil davon. Und viele andere Dinge sich verlagern, die einen an Wert zunehmen, die andern an Gewicht abnehmen. Nur ständig, wirklich unablässig, dieser riesige Schatten im Hintergrund, über einem, in einem. Ein paar Wochen Pause, auch mit dem Blog. Durchatmen. Pläne schmieden. Kleinigkeiten eigentlich, Banales, Normales.
Nach der Februar-Spritze zehn Tage Donostia, leider im Regen. Dafür mundeten nach langer Zeit mal wieder ein paar Gläser Weißwein, sogar einige Zurritos, am Tresen stehend, mit dreadgelockten Txurris zu Füßen und leckeren Rationen auf den Hochtischchen in der umfänglich renovierten Bar Astelena. Wie hieß die Serviererin mit dem Pferdegang nochmal: Salomé? In der christlichen Mythologie die Inkarnation weiblicher Grausamkeit schlechthin, gleichwohl die Verkörperung idealer Schönheit und purer Erotik.
(Aber darf man solche Ausdrücke heute, im Jahre 2018, in Zeiten des neuen Puritanismus und Tugendfurors, überhaupt noch benutzen, ohne sofort als Sexmonster abgekanzelt zu werden?)
Nun liegt endlich kein Schnee mehr. Temperaturen um zehn Grad. Doch nirgendwo ein kühnes Blättchen, das eine grüne Spitze hervorzustrecken wagt. Doch, sagt S., Schneeglöckchen, und die ersten Krokusse.
(Oder soll man bald nur noch über vermeintlich reine, unschuldige Natur sprechen und schreiben? Schon seltsam, wie viel Angst die Jungen von heute vor nackter Haut, Nähe und – pfui! – direktem Körperkontakt, sogar bloß vor deren Darstellung in Texten und auf Bildern zu haben scheinen. Von Blut, Rotz, Sperma und anderen Körperausscheidungen ganz zu schweigen.)
P.S.: Wie meinte S. dieser Tage: Sollte sich dieses oder jenes Museum dazu entschließen, demnächst Werke von angeblich pervers-sexistischen Malern wie Gauguin, Schiele, Picasso oder Balthus abzuhängen und für immer in seinen dunklen Lagern verschwinden zu lassen … – wir wären gerne bereit, dem einen oder anderen Bild an unseren noch jungfräulichen Wänden lebenslanges Exil zu gewähren! Also bitte melden …  

Freitag, 26. Januar 2018

Eine Chronik (67)


Ein guter Tag: Schnee weg, ein Hauch von Frühlingstemperaturen, vor allem die Mail von Dr. K., die mit Dr. H. von der Nuklearmedizin gesprochen hat. Beide halten es für richtig, den weiteren klinischen Verlauf abzuwarten und die sechste Radiopeptidtherapie frühestens im März einzuplanen. Es bleibt also beim Februar-Termin für die nächste Somatuline-Spritze. Laufe mit der Nachricht ins Arbeitszimmer von S., wir umarmen uns, sie versucht, ein Tränchen vor mir zu verbergen, vergeblich. Gleich darauf buchen wir Tickets ins Baskenland, wo bald ein bisschen Sonne zu sehen sein wird, hoffentlich.
Am Nachmittag in die Stadt, ein paar Besorgungen erledigen, eine Kleinigkeit essen, ins Kino. Leider enttäuscht der neue Film von François Ozon uns sehr, abgesehen von dem roten Faden mit den diversen Katzen. Ansonsten viel Durchschnitt und Unwahrscheinliches, nichts Spritziges, dafür lange Durststrecken, viel Langeweile und Bof!
Nicht vergessen: Den kurzen Nepal-Text aus dem „Giraffenbier“ üben, den ich demnächst vorlesen, in ein Mikrofon sprechen soll, im Rahmen eines pädagogischen Projekts, für das er ausgewählt wurde.
Aber wieso fährt der ehemalige Arbeitskollege plötzlich mit einem Lieferwagen an meinem Bett vorbei, mitten in der Nacht? Es sitzen noch andere Leute in dem Auto, von denen ich niemanden kenne. Sie halten kurz an, einer hat eine mehrfarbige Katze auf dem Schoß, und erkundigen sich nach meinem Befinden. Ich sage ihnen, ich sei zu müde, um ihnen das alles im Detail zu erklären, sie möchten doch bitte wiederkommen, wenn ich ausgeschlafen bin. Daraufhin rollt mein ehemaliger Arbeitskollege mit den Augen, bläst entnervt die Backen auf und fährt kopfschüttelnd davon. Endlich kann ich weiterschlafen.

Dienstag, 23. Januar 2018

Eine Chronik (66)


Letzte Woche: erneute DOTATOC-PET/CT-Untersuchung in der Uniklinik. Ablauf wie immer. Zuerst muss eine Einverständniserklärung ausgefüllt und unterschrieben werden, in der ich mich mit der Durchführung einverstanden erkläre, obwohl „nicht garantiert werden kann, dass diese Untersuchung Vorteile in der Diagnostik und späteren Therapie Ihrer Erkrankung bringt“, wie der behandelnde Arzt mir zu verstehen gibt.
Habe ich eine andere Wahl? Wird mir von sonstwo ein Rettungsanker zugeworfen? Wie und womit soll ich den ungebetenen Gast vertreiben? Fasten soll helfen, denn Tumore mögen es angeblich nicht, auf Diät gesetzt zu werden.
Also unterschreibe ich und warte. Auch auf die noch immer nicht zurückgesandten Formulare, ohne die die Therapie nicht fortgesetzt werden kann, außer, ich zahle für alles selbst. Hängepartien, wieder und wieder. Weil irgendjemand in irgendeinem Büro sich viel Zeit lässt. All die Zeit, die ich vielleicht gar nicht mehr habe, doch wen interessiert das, in irgendeinem Büro, für den der Antragsteller kein Gesicht hat und keine Geschichte, nur eine Nummer.
Und nun? Heftiger Schneefall in den beiden letzten Tagen. Doch jetzt scheint die Sonne, erneut beginnt es zu tauen. Morgen geht es wieder einmal zu Dr. K., der Onkologin. Die Einzelheiten der künftigen Behandlung müssen besprochen werden. Noch ein Therapie-Zyklus, also drei bis vier neuerliche Tage im Nuklearbunker? Und wenn ja, wann? Kurzfristig oder erst in ein paar Wochen? Könnte ich vorher nicht noch einmal kurz verreisen? Wir waren schon so lange nicht mehr weg, in Donostia soll es derzeit wenigstens über zehn Grad warm sein, wenn auch mit Regen.
Wie ich mich auf das Abendessen freue! S. bereitet Rinderfilet auf thailändische Art zu, gestern hat sie Waffeln gebacken, extra für mich.       

Sonntag, 21. Januar 2018

Eine Chronik (65)


Die große Schneeschmelze über Nacht. Am Morgen kein einziges Flöckchen mehr da. Nur die übliche Übelkeit nach dem Aufwachen. Die Erschöpfung am oberen Ende der Treppe. Nach dem Frühstück der rote Sessel, ein Glas Wasser sowie Magen- und Schmerztabletten. Zehn Minuten später setzt die Wirkung ein, man kann dem unangenehmen Gefühl förmlich dabei zusehen, wie es sich davonmacht.
Am Rechner sitzen; der Versuch, die Korrekturvorschläge von S. in das Manuskript des neugeschriebenen Romans von vor bald 30 Jahren zu übertragen. Novel revisited. Muss mich dranhalten, die aktualisierte Fassung wird wohl noch ein bisschen Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Doch es bereitet große Freude, bei aller Mühe.
Das ist nun auch schon wieder drei Wochen her. Seit dem 9. Januar, seit dem Monatsdepot mit Somatulin, keine selbst verabreichten, subkutanen Sandostatin-Spritzen mehr. Erleichterung. Und besseres Befinden, allgemein. Bis sich am späten Nachmittag die Müdigkeit heranschleicht. Roter Sessel, ich komme! Lese, nicke ein, döse, lese weiter, höre Musik. Messe regelmäßig Blutdruck und Puls. Koche, esse, sehe fern. Schlafe. Und am nächsten Tag Fortsetzung der Arbeit an der Neufassung des Romans von 1989. Lasse mich überraschen.      

Samstag, 30. Dezember 2017

Eine Chronik (64)


Er ist also wieder da. Fünf, alles andere als ereignisarme Wochen später. Fünf Wochen, in denen nur Lesen, Musikhören, ein paar Besuche möglich waren. Fünf Wochen, in denen ihm sechs bis sieben Kilo Körpergewicht verlorengegangen sind, weshalb er in seinem Hosengürtel mit Hammer und spitzem Schraubenzieher ein zusätzliches Loch anbringen musste. Fünf Wochen, in denen an Schreiben nicht zu denken war, am allerwenigstens an den Tagen, da er zwei Spitzen einer Gabel aus Plastik in den Nasenlöchern stecken hatte, die auf einem dünnen, karibikblauen Schlauch saß.
Dann der Versuch, mit der Hand und der zufällig wiedergefundenen alten Füllfeder ein paar Wörter niederzuschreiben. Was misslingt. Doch allein die Geste tut gut, die Bewegung, auch wenn der gewünschte Schwung noch fehlt. Doch auch der wird wiederkommen. Wie – hoffentlich – auch die Muskeln, die sich in den Unterschenkeln und Oberarmen einfach aufgelöst zu haben scheinen, verflüchtigt, weggeschmolzen. Stellenweise sind nur Haut und Knochen übrig, blaue Flecken, rote Pünktchen von den Einstichnadeln, den Spritzversuchen. Er kann gut verstehen, wenn B., die Nachbarin, schreibt, manchmal würde sie sich am liebsten hinter der Heizung verkriechen. Platz wäre jetzt ja genug da, fast. Zu essen braucht er sowieso nicht mehr viel, an manchen Tagen genügen ein paar Tropfen Wasser. Und die richtigen Bücher, die er im ganzen Haus verteilt hat, für den Fall, dass er zufällig irgendwo vorbeikommt, Mattigkeit ihn überwältigt und er sich zum Verschnaufen kurz hinsetzen muss. Lesestoff liegt dann stets parat, sowie ein Bleistift und ein Zettel, für den Fall, dass etwas festgehalten, niedergeschrieben werden muss.
S. macht das alles klaglos mit. Ist nicht selbstverständlich. Muss mich mal in aller Form bei ihr bedanken. Dafür, dass sie sich nie beschwert, alles erträgt, neulich tagelang kreuz und quer durch Agadir unterwegs war, um alle nötigen Formulare zu besorgen, Rechnungen zu bezahlen, Kontakte zu knüpfen, Transfers zu arrangieren, Hindernisse zu beseitigen, Zeitpläne zu koordinieren. Auch daran denke ich immer wieder, wenn ich nachts im Bad stehe, wie in dem Gedicht von Harald Hartung, die Autogeräusche im Hintergrund, weil die Welt sogar um diese Zeit noch unterwegs ist, wie kalt sind die Fliesen, und der Fremde im Spiegel mir rät, ihm doch gefälligst aus dem Weg zu gehen.

Freitag, 29. Dezember 2017

Eine Chronik (63)


Kurz vor Weihnachten. Fünfter Therapiezyklus im Nuklearbunker, diesmal von dienstags bis freitags, also einen Tag länger als bisher. Bevor der erste Blutstropfen fließt, informiere ich die zuständigen Personen über die Vorfälle der letzten vier Wochen. Oberarzt Dr. H. weiß sofort eine Erklärung – und bestätigt die Vermutungen von Dr. W. Infolge des während der Therapie entstehenden „Untergangs“ von Tumorzellen ist es zu einer mehrtägigen erhöhten Ausschüttung von in Tumorzellen gebildeten Hormonen gekommen. Diese geht mit Kreislauf- und Atembeschwerden, Übelkeit, Kopfschmerzen, neurologischen Symptomen sowie der sogenannten Flush-Symptomatik einher … – Genau so steht es in den Patienteninformationen unter dem Zwischentitel „Risiken und mögliche Nebenwirkungen“, die ich nun bereits zum fünften Mal ausgehändigt bekomme, aber bisher immer nur überflogen habe. Nach dem Motto: „Mir wird das alles schon nicht passieren!“ Und überhaupt: Was kann man sich Besseres wünschen als den „Untergang von Tumorzellen“, als die Stable Disease mit teilweise rückläufigen bzw. einzelnen sogar nicht mehr nachweisbaren Tracermehranreicherungen sowie ohne Nachweis einer neu aufgetretenen malignomtypischen Nuklidanreicherung, auf die in der ärztlichen Beurteilung nach dem jüngsten PET-CT hingewiesen wurde?
Das leidigste Problem in diesen Tagen: meine Venen. Entweder sind sie geradewegs unsicht- und unfühlbar oder so fein, dass sich kein Katheter hineinschieben lässt, oder so gewunden, dass jede Nadel sofort an hinderliche Wände stößt. Ist es an der Zeit, mir einen Port implantieren zu lassen, im Hinblick auf künftige Blutentnahmen und Infusionen? Überwiegen die Entzündungsrisiken oder die Vorteile für Patient und Klinikpersonal?
Vor wenigen Tagen ist Lisa Berg, die seit 2015 an Leukämie erkrankte Cellistin, verstorben. Drei Jahre. Da beginnt man auch selbst zu rechnen, falls man es nicht sowieso schon tat, nach Erhalt der eigenen Diagnose, und es immer noch tut, fast täglich, wenn nicht noch häufiger.      

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Eine Chronik (62)


Taghazout ist ein herrlicher Flecken. Im Hotel, das wir bereits letztes Jahr besuchten, werden wir fast schon wie Stammgäste umgarnt. Keinerlei Hektik, entspannter Betrieb, wolkenloser Himmel bei idealen Temperaturen um 24 Grad und eine Lektüre, die mich von den ersten Zeilen an tief ins Buch hineinzieht, so dass die rund 500 Seiten einen gar nicht abzuschrecken vermögen, ganz im Gegenteil. Heute, da das Werk ausgelesen ist, kann ich es ja sagen: Der neue Roman (oder sind es Erzählungen, wie die verwackelte Genrebezeichnung auf dem Buchcover ebenfalls suggeriert?) von Nico Helminger, „Kuerz Chronik vum Menn Malkowitsch …“, ist eine Wucht, mein Buch des Jahres 2017, all denjenigen unbedingt zu empfehlen, die etwas über den momentanen Zustand des Landes Luxemburg und der dort lebenden Menschen erfahren wollen, spannend, krude, passagenweise ein bisschen dick aufgetragen, aber stets politisch wunderbar inkorrekt, saftig und kraftvoll erotisch-pornografisch, ambitioniert, augenöffnend, alle literarischen Register der luxemburgischen Sprache ziehend, dennoch süffig zu lesen …
Am vierten Tag in Marokko allerdings die Ernüchterung: dieselben Symptome wie 14 Tage zuvor in Walferdingen. Allergische Reaktion (auf ein am Straßenrand, über offenem, mit Benzin angefachtem Feuer gegrilltes Hähnchen?) mit Erbrechen, Kopf- und Magenschmerzen, Schwellungen und Rötungen, rasende Herzschläge. Am späten Abend holt mich ein Wagen von SOS AMU am Hoteleingang ab. Mit Blaulicht und Sirene geht’s nach Agadir, in die Notaufnahme der Polyclinique Illigh. Ich kann Ihnen, lieber Leser, bestätigen: Marokkanisches Pflegepersonal ist mindestens so eifrig und bemüht wie westeuropäisches, aber die ganzen Maschinen und Apparaturen, die ihm zur Verfügung stehen, sind leider nicht auf dem neuesten Stand. Egal, all die Himas und Aischas, die Ahmeds und Mohammeds schafften es, mich binnen drei Tagen soweit wieder auf die Beine zu bringen, dass ein Jet der Air Rescue auf dem Al Massira-Flughafen landen, mich an Bord nehmen und kompetent nach Hause bringen konnte. Eigene Liege, Decken, Getränke und Essen nach Wunsch – der perfekte Bordservice, das reinste First Class-Erlebnis. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen lande ich in der hauptstädtischen Zithaklinik, man kennt mich dort, auf der Nuklearstation, schon. Auch die Prozedur ist die gleiche wie beim letzten Mal. Tropf an Tropf an Tropf. Und die Idee von Dr. W., dass die Beschwerden vielleicht doch als Nebenwirkungen der Radiopeptidtherapie einzuschätzen sind. Also verschreibt er mir Sandostatin 100-Spritzen, die ich mir von nun an zweimal täglich selbst subkutan verabreichen muss, zwecks Bekämpfung der Überproduktion bestimmter Hormone und ähnlicher körpereigener Stoffe im Magen, welche das natürliche hormonelle Gleichgewicht im Körper stören.
In den Tagen danach: viele Stunden Ruhe, ideal zum Lesen (etwa der wunderbaren Kurzgeschichten von Lucia Berlin), zum Musikhören (in endloser Schleife: Symphony No. 3 von Henryk Górecki) …    

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Eine Chronik (61)


Wollte da etwa ein fieses Rieslingspastetchen jemanden definitiv zum Schweigen bringen? So kam es dem Verzehrer besagten Snacks jedenfalls vor, nachdem er gleich am ersten Tag der diesjährigen Büchertage in Walferdingen (ja, gut fünf Wochen, so lange ist das bereits her!) plötzlich übelstes Unwohlsein verspürte. Mit dem Resultat, dass er tags darauf auf der Intensivstation landete, mit Kreislauf- und Atembeschwerden und tomatenrot angeschwollenem Gesicht und ohne Hunger noch Durst in den nächsten fünf Tagen.
Ein einleuchtender Grund für den Kollaps fand sich nicht – Lebensmittelvergiftung, Magenzisten, Herzbeschwerden, mangelhafte Schilddrüsenfunktion? Vermutungen gab es viele –, aber während der langen Stunden an diversen Tröpfen stellte sich ein einigermaßen stabiler Gesundheitszustand allmählich wieder her. So dass der Patient am Ende entlassen werden konnte, zwar nicht geheilt, aber immerhin imstande, auf nicht allzu wackeligem Fuß zu stehen. Und bereit, die schon länger geplante Marokko-Reise Anfang Dezember, trotz Bedenken, aber mit ärztlichem Segen, wohlgemut anzutreten.


Freitag, 17. November 2017

Eine Chronik (60)


10:15. Bei Wasser und Brot … ähm, nein, bei Latte Macchiato und Schokocroissant in der Cafeteria. Es bediente mich, wie auf dem Kassenzettel steht, „Theke 2“ – hellbraun gelockt, äußerst freundlich und fast schon unanständig gut gelaunt. Während ich im Kaffeeglas rühre, fällt mir der Traum der vorigen Nacht ein: Die Begegnung mit einem alten Bekannten, der mir plötzlich viel kleiner vorkommt als früher. Als er davongeht, erkenne ich, dass sein linkes Bein unterhalb des Knies amputiert ist und anstelle seines rechten Beins ein kurzer, hölzerner Stock aus seinem Unterleib ragt, wie oft bei Kapitänen in alten Piratenfilmen.

10:35. Vom Gebäck sind nur Krümel übrig, das Glas ist leer. Blicke mich um: Den größten Raum im Eingangsbereich der Klinik nimmt eine Bankfiliale ein. Gleich daneben der Zeitungs-, Süßigkeiten- und Souvenirladen. Dort gibt es auch Fertiggerichte zu kaufen. Zum Glück muss ich mich erst nächste Woche wieder mit Spitalskost begnügen.

10:45. An der Eingangstür zur Abteilung Nuklearmedizin hängt ein Schild: „Aus Hygienegründen verzichten wir auf das Händeschütteln. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Nehme, etwas verfrüht, im Behandlungszimmer Platz, zum dritten Mal für heute. Blättere in dem mitgebrachten „Reportagen“-Band Nr. 34 vom Mai 2017. Die Albanerin streckt den Kopf herein und erkundigt sich nach meinem Befinden. Gut, sage ich.

11:00. Nächste Blutabnahme durch MTRA Heike W. Frage die Dame, was MTRA bedeutet: Medizinisch-technische Radiologie-Assistentin. Alles fließt wie geölt. Nehme erneut auf dem Warteflur Platz, lese weiter in dem Artikel über Sex, Lügen und YouTube.

11:55. Vierte Blutabnahme. Zunächst kommt der dunkelrote Saft nur getropft. Muss den Arm etwas tiefer hängen lassen. Wir sollten die Erdanziehungskraft nutzen, sagt die MTRA. Dann wickelt sie erneut den schützenden Verband um den Zugang. Bis in einer knappen Stunde, sagt sie. Bis dann, sage ich und gehe. Draußen steht die Imbissbude vom Fritten-Heini. Schaue mir kurz die Tafel mit seinen Angeboten an, lasse es dann aber lieber. Entscheide mich für drinnen – leider. Denn die groß beworbene Tomatencremesuppe schmeckt wie die Tomatensauce aus der kindheitsfernen Mirácoli-Packung, also irgendwie eklig. Zur besseren Verdauung hole ich mir im Laden nebenan einen Riegel weißer Schokolade mit zerbröselten Cornflakes. Ebenfalls keine Offenbarung. Ab 12:30 muss ich intensiv Wasser trinken, um die Nieren auf Trab zu bringen.

Wann die Kamera nach 13:00 frei sein wird, ist laut MTRA momentan nicht abzusehen. Es könne aber noch dauern – was immer das heißt. Gut, dass ich für die Lektüre eines der umfangreichen „Reportagen“-Artikel zwischen 40 und 50 Minuten brauche.

So vergeht die Zeit ziemlich schnell. Allmählich lichten sich die Wartebereiche. Einmal schlendert eine Frau weinend den Flur hinunter. Dann Geräusche von Stöckelschuhschritten, die um zwei Ecken verhallen.

Mein wartendes Gegenüber betrachtet minutenlang seine Fingernägel. Ab und zu keucht der dickleibige Mann, einmal knurrt er etwas, das sich wie „Bier“ anhört.

13:50. Werde in den Scan-Raum gebeten. Muss alles Metallische ablegen und mich mit halb heruntergelassener Hose auf die Pritsche begeben. Ab jetzt bitte nicht mehr bewegen, sagt der junge Mann, einer der zahlreichen Praktikanten, denen ich in den letzten Monaten hier begegnet bin. Die Pritsche ruckelt ein wenig. Von irgendwo ein dumpfes Geräusch. Stimmen aus dem Nebenraum. Einmal huscht Dr. T. vorbei. Wenn es gerade nicht irgendwo im Gesicht, auf der Brust, an Armen oder Beinen kribbelt und juckt, drohe ich einzunicken.

Die eigentliche Nierenszintigrafie dauert rund 45 Minuten, inkl. fünfter und sechster Blutentnahme. Dann darf ich gehen, sieben Stunden später. Rasch nach draußen, tief Luft holen. Warten auf S. Trotz Sonnenschein ist es kalt und feucht, fast schon usselig. Acht Minuten später fährt S. vor. Sie freut sich, dass es mir gut geht.   

Donnerstag, 16. November 2017

Eine Chronik (59)


Kurz nach acht Uhr auf dem Parkplatz des Klinikums. Neben dem Haupteingang steht ein Leichenwagen mit laufendem Motor, wartet. Der Fahrer starrt auf sein Handy. Der Sargraum ist leer.

Im zweiten Untergeschoss empfängt uns die ältere Krankenschwester mit dem krausen Schopf. Vor 14 Uhr werde die heutige Sitzung auf keinen Fall beendet sein, erklärt sie. Eine der beiden Kameras sei kaputt, deshalb würden die Untersuchungen diesmal etwas länger dauern. So weiß S. zumindest Bescheid und kann ihren Tag besser planen, bevor sie mich irgendwann am Nachmittag wieder abholen kommt. 

Eine Stunde später. Dr. T., die charmante albanische Assistenzärztin, stellt sich vor. Bisher haben wir uns ja noch nicht kennengelernt, stellt sie zur Begrüßung fest. Richtig, erwidere ich, aber wie war Ihr Name? Sie deutet auf das Ausweiskärtchen, das von der Brusttasche ihres weißen Kittels baumelt. Ich solle doch raten, wo sie herkomme. Osten?, mutmaße ich. Nein, nicht ganz, sagt sie. Die Buchstabenkombination S und H in ihrem Nachnamen irritiert mich. Mittelmeeranrainer?, taste ich mich vor. Ja, erwidert sie. Aber Ihr Name klingt weder italienisch noch spanisch oder französisch, sage ich. Also Albanien. Genau, sagt sie, übrigens völlig akzentfrei, alle Achtung! Aber wie kommen Sie nur darauf? Wegen des Hs hinter dem S, sage ich.

Dann zieht sie violette Gummihandschuhe an und versucht, mir zwei Zugänge zu legen: einen roten in den rechten Unterarm, einen blauen in den linken. Die üblichen Probleme bei der Suche nach aufnahmefähigen Adern. Am Ende klappt es in jedem Arm beim ersten Versuch. Respekt, sage ich, das bekommen nicht viele hin. Die Albanerin schmunzelt.

Zwischendurch klingelt dreimal ihr Handy. Sie klemmt es sich zwischen Schulter und Ohr und macht mit den Nadeln und Stöpseln und Pflastern einfach weiter. Einmal erklärt sie ihrem Anrufer: Ich bin grad bei der Niere.

Die Niere bin in diesem Fall ich, ein bisschen kümmerlich dasitzend, mit zwei hochgekrempelten Hemdsärmeln und einem dünnen Schal um den Hals. Dr. T. verabschiedet sich, bis später, und geht.

Erste Blutabnahme in einer Stunde. Setze mich in der Zwischenzeit ins Wartezimmer, wo heute für einmal sehr viel Betrieb herrscht. Patienten jeden Alters, wie gehabt, aus allen sozialen Schichten, sofern man das auf einen ersten, flüchtigen Blick erkennen kann. (Man kann!) Alle blicken mehr oder weniger trübselig drein. Einer zippelt an der Haut auf den Nagelbetten seiner Finger, einer wischt und tappt auf seinem Handy herum – dabei gibt es hier unten auf der Nuklearstation gar kein Netz, also spielt er vermutlich irgendein Menschenfresser- oder Massaker-Spiel –, niemand greift zu den ausliegenden Illustrierten oder liest eine Zeitung, in einem Buch. Selten fällt ein Wort.

Auch die bekannten Gesichter, die in weißen Kitteln herumlaufen, schweigen. Eine durchaus absurde Szenerie; man müsste eine Kamera aufstellen und über Stunden hinweg filmen, was auf den Fluren so alles passiert: Patienten, die kommen und wieder gehen; Personal, das von links nach rechts durchs Bild läuft und meist kurze Zeit später auch wieder von rechts nach links, einmal mit Mäppchen, einmal ohne, diverse Gestelle auf Rädern vor sich her schiebend, einen Papierstapel unter den Arm geklemmt, mit losen Zetteln in der Hand. Ein experimentelles Videoprojekt mit dem Titel „Nuclear Promenades“, ohne Mudam- oder Casino-Auftrag.

Zudem ist ein Teil des Flurs hinter einem Sichtschutz aus Plastikplanen verborgen, eine Art Baustelle auf einem der Gänge. Vorhin erwähnte jemand, dass ein alter Scanner durch einen neuen ersetzt würde.

Soeben schlich ein Mann in Zivil heran und schlüpfte hinter die undurchsichtige Wand wie hinter einen Theatervorhang. Später bewegte sich dort etwas, ein stummer Schatten hinter einem Schleier aus Milch.

9:45. Noch zehn Minuten, dann kurve ich um zwei Ecken, mache den linken Arm frei und lasse mir zum zweiten Mal Blut abzapfen. Manchmal wird in den Warteräumen aber auch so laut und ausdauernd geplappert, dass nicht an Lesen und schon gar nicht an Schreiben zu denken ist.

Noch fünf Minuten. Einer der Wartenden ist schlimm erkältet, hustet, schnüffelt und schnäuzt sich ohne Unterlass. Noch vier Minuten. Danach gehe ich nach oben, kurz an die frische kalte Luft und in der Cafeteria einen Kaffee trinken, ein Stück Gebäck essen. Hatte noch keinen Hunger, früh am Morgen.  

Sonntag, 12. November 2017

Eine Chronik (58)


Der neueste Befund nach dem jüngsten PET-CT kommt mit der Post. Er bestätigt, was der provisorische Ärztebericht nach dem letzten, dem vierten Radiopeptidtherapie-Zyklus schon angedeutet hatte: „Formell zeigt sich ein Stable Disease mit jedoch rückläufigen bzw. einzelnen sogar nicht mehr nachweisbaren Tracermehranreicherungen sowie ohne Nachweis einer neu aufgetretenen malignomtypischen Nuklidanreicherung. Des Weiteren gibt es einige vorbeschriebene Metastasen, die aktuell nahezu keine pathologische Traceranreicherung mehr aufweisen …“ Capito? Grund zu feiern?
In den letzten Wochen gab es jedenfalls kaum Anlass, dem ungebetenen Gast besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Hätte er, der alte Störenfried, auch gar nicht verdient gehabt. Stattdessen die Batty Weber-Sache in Mersch, diesbezügliche – und völlig unerwartete – Glückwünsche seitens des Vorstandes von Jeunesse Esch, meinem Club seit mehr als dreißig Jahren, kurze Erholung im nordspanischen Restsommer inkl. munter durchwachsene Ergebnisse von Real Sociedad, meinem baskischen Lieblingsverein seit nun auch schon bald zwanzig Saisons, ausgiebige Lektüre, ein spitzer Kommentar zu diesem und jenem … mitsamt ziemlich häufig ziemlich kryptischen Reaktionen, die nur eine tastende Schlussfolgerung zulassen: Sind wir, ja, wir alle, dabei, in die allgemeine Verblödung abzudriften, oder haben wir in unserer „hysterisch-bigott hypermoralisierten Gesellschaft, wo wir angeblich so viel toleranter sind und libertärer“ (Thea Dorn), diesen Zustand, ohne es zu merken, längst erreicht?
Wie auch immer, übermorgen steht die erneute Durchführung einer Nierenfunktionsbestimmung auf dem Programm. Tut nicht weh, dauert bloß fünf bis sechs Stunden, verlangt also Geduld und reichlich Lesestoff im Rucksack. Kurz danach beginnen die Walfer Bicherdeeg 2017 – eine willkommene Ablenkung, auch wenn mein Tumor unbedingt mitkommen, den ganzen Trubel nun schon zum zweiten Mal miterleben will. Na gut, wenn er sich zu benehmen weiß, dann ist das halt so.    

Sonntag, 22. Oktober 2017

Eine Chronik (57)


In unserem Wohnzimmer, zwischen Tür und Kamin, steht ein Klavier. Vor dem Klavier steht ein höhenverstellbarer Klavierhocker, das heißt, die rechteckige Version eines Hockers, die auch noch als Pianobank bezeichnet wird, mit samtig sich anfühlendem Sitzpolster. Auf dem Klavier liegt ein Stapel Notenhefte, von Bach über Chopin bis Mozart und zurück. Neben dem Stoß Hefte steht ein Metronom, eines dieser Geräte, die durch akustische Impulse in gleichmäßigen Zeitintervallen ein konstantes Tempo vorgeben. An der Wand hinter dem Klavier hängt ein Bild von Lantz. Unser Freund hat noch nie eine Wüste betreten, aber eine Zeitlang malte er die schönsten Wüstenbilder mit den seltensten Wüstentieren, die man sich vorstellen kann. Hinter der Wand mit dem Wüstenbild kommt die Fassade unseres Hauses, die wegen ihrer exponierten Lage (Wind! Regen! Graupel! Schnee! Sonne! Hitze!) mit Schieferplatten verkleidet ist und die, fragte man sie, ganz andere Geschichten zu erzählen wüsste.
Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht erinnern, wo das Klavier herkommt. Fest steht nur, dass ich es nicht in dieses Haus gebracht habe. Dafür sind meine Arme zu schwach und meine zehn Fingerchen viel zu ungeschickt. Weder das Instrument noch Schemel oder Metronom waren demnach jemals für mich gedacht, und sie sind es bis heute nicht.
Stattdessen habe ich S. im Verdacht, dass sie das Klavier aus ihrer Jugend herüber ins Erwachsenendasein gerettet, aber ihre Ambitionen in Richtung Klavierspielerinnenkarriere längst aufgegeben hat. Ab und zu nimmt sie wohl noch auf dem Hocker Platz und klappt den Deckel hoch, um die 88 Tasten freizulegen. Doch eher sind lange Spielpausen die Regel. Zumal S. derzeit Probleme mit dem kleinen Finger der linken Hand hat. Er fühlt sich meistens taub an, manchmal aber auch schon beinahe wie abgestorben. Dabei hat ihr Klavierspiel ihr schon so manches Kompliment eingebracht, u. a. seitens unseres Malerfreundes Lantz, und immer wieder kommt es vor, dass ein Gast, so unmusikalisch er auch sein mag („Oh, ein Klavier! Ein Klavier!“), sie bittet, uns doch mal etwas vorzuspielen, der versammelten Gesellschaft eine Kostprobe ihres Könnens zu liefern oder, wie derbere Gemüter mitunter fordern, einmal kräftig in die Tasten zu hauen. Meistens kommt S. diesen Bitten und Wünschen nicht nach. Recht hat sie. Auch wenn sie, was durchaus vorkommt, mit einem gewissen Dünkel auf diejenigen herabschaut, die, wie ich, Makkaroni abkriegten, als sie beim Herrgott um Finger anstanden.
Für das Nudelbild bedanke ich mich bei der Tintenfisch-Kolumne in der Neuen Zürcher Zeitung. Es wird auch unserem Freund Lantz gefallen, da bin ich mir ganz sicher.