Montag, 20. August 2018
Samstag, 9. Juni 2018
Eine Chronik (75)
Zwei Tage später, wie gehabt, die monatliche Spritze.
Diesmal ohne zusätzliche Kontrolle der Blutwerte, ohne Gesprächstermin mit der
Onkologin. Einfach nur die Spritze. Der dickflüssige, milchige Stoff, der sehr
sehr langsam in die Hüfte injiziert wird.
Während sie schräg hinter mir steht und ihre tägliche
Arbeit verrichtet, verrät mir die gutgelaunte Asiatin, dass sie in den letzten
Tagen ebenfalls krank war. Ein bisschen zumindest, sagt sie. Erkältung?, frage
ich zurück. Na ja, erwidert sie, eine Art Erkältung. Ich ahne, dass sie nicht
über das sprechen möchte, was genau sie hatte. Vielleicht schummelt sie und
hatte in Wahrheit gar nichts, will aber, dass ich mich besser fühle, wenn ich
erfahre, dass sogar Krankenschwestern und anderes Pflegepersonal manchmal krank
werden.
Dabei fühle ich mich gar nicht schlecht. Und dass ich bei
weitem nicht der einzige Kranke bin und andere viel schlimmer dran sind, weiß
ich spätestens, seit ich in der hämatologisch-onkologischen Praxis in W. ein
und aus gehe.
Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Draußen
scheint die Sonne. Wir haben Hunger. Da S. heute Geburtstag hat, beschließen
wir, nicht sofort an unsere Schreibtische zurückzukehren, sondern eine
Kleinigkeit essen zu gehen. Wir landen im lauschigen Laubengarten des
türkischen Restaurants, das wir schon häufiger nach Arztterminen aufgesucht
haben. Köfte, Salat, Reis, überbackene Aubergine, dazu alkoholfreies Bier im
Schatten.
Wein vertrage ich seit drei Jahren nur noch in Spanien
und auf Reisen. Seltsam. Etwas Psychosomatisches? Wir verstehen es nicht. Auch
Frau Dr. K., der wir von dem sonderbaren Phänomen erzählt haben, kann es sich
nicht erklären. Zum Glück munden alkoholfreie Biere und Sekte inzwischen fast
so gut wie die richtigen. Nur nullprozentigen Rotwein kann man nicht saufen.
Schmeckt wie gekippter Traubensaft. Wie verdünnte Buttermilch, die zu lange in
der Sonne stand.
Dienstag, 5. Juni 2018
Eine Chronik (74)
Seit ein paar Tagen zurück aus Donostia. Es waren etliche
eher unerfreuliche Tage dabei, in den gut zwei Wochen, diesmal: der fast schon
übliche Wohnungsärger, die Folgen der weiterhin heranschwappenden
Tourismuswellen, die rauer werdenden Sitten und zunehmend unerfreulichen
Gebräuche der Einheimischen, auch im Umgang mit den ausländischen Gästen.
Selbst das Wetter am Atlantik war diesmal nicht recht in Form. Genauso wenig
wie der wiederkehrende Besucher, dem öfter die Kräfte schwanden, gelegentlich
die Energie abhandenkam, der sich zuweilen aufraffen musste, um bei Sturm,
Regen und Kälte seine vier Wände zu verlassen, und sei es nur, um sich eine
Tageszeitung zu besorgen. Und dann bot diese auch noch – häufiger als üblich,
wie dem Gast schien – Artikel über allerlei Krankheiten, Sterben und Tod. Gut,
die Fußballsaison war so gut wie vorbei, alle Entscheidungen längst gefallen.
Die Strandsaison hingegen hatte noch nicht einmal begonnen, nirgendwo auch nur
der leiseste Duft nach Sommer, Sand und Sonnencreme.
Das Schlimme am Krebs sei, sagte einer der
Interviewpartner der Journalistin, nicht der zu erwartende Tod, auf den
schließlich alles Leben hinauslaufe. Nein, das Schlimme am Krebs sei die
Ungewissheit, wann und unter welchen Umständen dieser Tod dann schließlich
eintrete. Und dass kein Arzt der Welt eine Prognose wagen, niemand dem
Patienten ausmalen würde, wie das Endszenario und der Weg dorthin sich möglicherweise
gestalten werden, womit zu rechnen, was zu erwarten sei, wie man sich auf das
Unausweichliche vorbereiten könne. Das Wort Tod nimmt auch im Krankenhaus, in
der ärztlichen Praxis, in den Labors und sonstigen Untersuchungsräumen niemand
gerne in den Mund.
Montag, 4. Juni 2018
Eine Chronik (73)
Der Kugelschreiber in meiner Hand ist ein ganz
schlichter, altmodischer. Ein echter, nämlich von der Firma BIC, der sich nicht
aufschrauben, dessen Mine sich nicht austauschen – bei den Wörtern Mine und
Miene muss ich stets etwas länger überlegen, welches in dem einen oder anderen Zusammenhang das
richtige ist –, aber dank eines winzigen Knöpfchens mit einem Klick im Inneren
des haarfein geriffelten Plastikgehäuses zum Verschwinden bringen lässt. Nur
die Farbe der Tinte, eine Mischung aus Himmelblau und Türkis, ein Ton, in dem
man sich neuerdings auch Eiscreme bestellen kann – pitufo, wie es auf Spanisch
heißt, also schlumpffarben –, die Farbe der Tinte also wirkt, weil vintage-artig aufgepäppelt, äußerst
zeitgemäß. Während das Kügelchen an der Spitze des Schreibgeräts so geschmeidig
über das Papier rollt, dass die Gedanken den Bewegungen der Hand fast nicht
hinterherkommen.
Und was schreibe ich mit dem BIC, der mir plötzlich, ich
weiß nicht, woher und wieso, in die Finger geraten ist?
Mittwoch, 2. Mai 2018
Eine Chronik (72)
Stable disease: das Zauberwort. Kein Rück- und kein
Fortschritt. Stabil: Mehr darf man nicht erwarten. Seit der Bronchoskopie Ende
März wird mir die monatliche Somatuline-Spritze gesetzt (wie auch morgen
wieder), die sechste Radiopeptidtherapie ist bis auf weiteres verschoben. Sonst
nichts. Ist auch gar nicht nötig, finden nicht nur die Ärzte.
Seit Wochen keinerlei Beschwerden. Und auch gar keine
Zeit dazu. Weil viel zu schreiben, zu korrigieren, zu lesen ist, wie immer
eigentlich. Aber nun auch richtig Lust dazu. Die Roman-Neufassung, fast dreißig
Jahre später. Die Sammlung von Kürzestgeschichten, die jeden Tag um vier bis
fünf Einträge wächst: der nette Herr Fleischhauer, die völlig unverdächtige
Frau Dornseiffer (mit zwei F, bitte), der kontrollierte Herr Hertel, der
unbeholfene Herr Struff, die attraktive Frau Brimmeyer … Nicht zu vergessen die
Verlagsarbeit: die schon vorliegende Neuerscheinung, die kurz bevorstehende
Neuerscheinung. Auch Garten, Rasen, Bäume, Hecken und Sträucher wollen versorgt
werden. Und für demnächst weitere Ausfahrten und Ausflüge in Planung. Et j’en passe.
Da bleibt weder Zeit noch Kraft für Kummer und Trübsal.
Gut so. Ganze Tage vergehen ohne einen Gedanken ans nicht ganz normale Innenleben,
das auch inspiriert, ermuntert und ermutigt. Alle anderen Gedanken kommen mir
hell, klar und präzise vor, wie selten zuvor. Wie meine alte Stimme, die M.
dieser Tage im Radio hörte, eine 35 Jahre alte Stimme, die M. zwar vertraut
vorkam, wie sie sagte, aber gleichzeitig wie aus einer anderen Welt.
Sonntag, 25. März 2018
Eine Chronik (71)
Heute kein Frühstück. Letzter Tropfen Flüssigkeit um
Mitternacht. Muss nüchtern sein, in allen Hinsichten. Kurz nach acht kommt
Pfleger S., ich soll mich waschen, Zähne putzen, mich bereithalten, ja, im
Schlafanzug, das sei perfekt. Nein, er weiß nicht, wann die Reihe an mir sein
wird, aber wir haben, behauptet er, derzeit eine Menge Arbeit.
Tue, wie mir befohlen. Setze mich, im Pyjama, auf das
neue, vollelektrische Bett und … warte. Warte, lese Zeitung und … warte. Warte,
mache ein paar Notizen, warte. Warte, starre auf die Mineralwasserflasche und …
warte. Starre auf den Zugang auf meinem rechten Handrücken und … warte. Irgendwann
kommt die Putzfrau. Sie sind derzeit der einzige Patient auf der Station,
verrät sie, was mich wundert, nach allem, was Pfleger S. mich am Morgen wissen
ließ. Ich bekomme hier auch oft komische Antworten, sagt die Putzfrau,
kopfschüttelnd. Nach dem Staubwischen und feuchten Aufnehmen geht sie wieder.
Ich warte weiter. Stoße bei der Lektüre auf den Begriff
Tivolikugel. Frage mich, was eine Tivolikugel wohl sein mag, bin aber zu träge,
um mich mittels Smartphone auf die Suche zu machen. Stattdessen: Warten! Kurz
vor elf bin ich überzeugt, dass kurz nach elf etwas passieren wird. Allmählich
wird mir kalt, in meinem dünnen Schlafanzug. Ziehe mir die Daunenjacke über und
… warte. Bald sind sämtliche Zeitungen ausgelesen. Wegen des Katheters in und
des Verbands an der rechten Hand fällt das Schreibstifthalten mir schwer.
Um zwölf passiert immer noch nichts. Stille auf dem Flur,
auch von draußen, wo nur ein paar Tauben fröstelnd in den noch kahlen Bäumen hocken
und gurren, gurren, gurren. Und das leise Surren des Kühlschranks, in dem ein
paar Flaschen Saft, Obst, ein Stück Marzipan verstaut sind. Aber ich muss ja
nüchtern bleiben.
Kurz nach 13 Uhr kommen zwei Krankenschwestern, die ich
nie zuvor gesehen haben. Ich soll mich in mein Bett legen, mir die Decke bis
unters Kinn ziehen, es sei kalt auf den Fluren, zugig. Sie bringen mich zur
Lungenspiegelung. Frau Dr. O. erwartet mich bereits und begrüßt mich per
Handschlag. Es ist ungewohnt, jemandem beim ersten Mal im Liegen gegenüberzu…
na ja … treten. Gleich verabreichen wir Ihnen eine Ladung Propofol, und
Sekunden später träumen Sie von Sonne, Meer und leckeren Cocktails. Sediert
werden, denke ich und merke gerade noch, wie eine Spritze mit sahnefarbener
Flüssigkeit von oben in den Katheter in meiner rechten Hand geschoben wird. Ein
letzter Blick auf die Wanduhr. Es ist 13:20. Beim nächsten Blick an der Mauer
hoch ist es 13:45, Frau Dr. O. berührt sanft meine Wange und fragt, ob ich
bereits wieder da bin. Dann zeigt sie mir die Fotos, die sie soeben in meinem
Inneren gemacht hat. Nicht erschrecken, empfiehlt sie, von der roten Farbe auf
den Bildern müssen Sie sich achtzig Prozent wegdenken, dann wissen Sie
ungefähr, wie es da drinnen aussieht.
Apropos vollelektrisches Bett bzw. Stuhl: Für ihre
letalen Giftspritzen verwenden die amerikanischen Behörden bei der Exekution
zum Tode verurteilter Häftlinge ebenfalls Propofol, was der deutsche Hersteller
des Produkts mit Handelsbeschränkungen in den USA zu verhindern versucht.
Bisher nur mit bescheidenem Erfolg.
Samstag, 24. März 2018
Eine Chronik (70)
Ausnahmsweise wieder einmal im Klinikum in W., wo vor
ziemlich exakt zwei Jahren und einer Woche alles begann. Diesmal zwecks
Bronchoskopie. Aufnahme am Tag zuvor, gleich anschließend EKG, Blutgasanalyse
und Lungenfunktionstest, danach auf die Station, Anmeldung beim Case-Management
und Zimmerzuweisung.
Pfleger S. kommt mit einem noch in Plastik verpackten
Bett hereingerollt, für Sie diesmal ein komplett neues, vollelektrisches Bett,
behauptet er. Ich will wissen, ob das mit den vollelektrischen Stühlen zu
vergleichen sei, die in den USA bis heute in Gebrauch sind. Haha! Obendrein der
allerneueste Matratzenstandard, sagt Pfleger S., passt sich Ihrem Körper genau
an, in jeder Lage. Ich teste sie mit sanftem Fingerdruck und bin einverstanden.
Statt Mittagessen wird mir ein Fläschchen
Multivitaminsaft serviert, dann steht auch schon Schwester I. in der Tür. Soll
mich mal kurz auf mein neues Bett setzen. Eine Minute lang schaut Schwester I.
mich an und verkündet: Meine Atemfrequenz liegt bei 19, ich bin Brustatmer, wie
die meisten Männer, kein Bauchatmer, wie die weibliche Mehrheit.
Was man doch immer noch an Neuem erfährt! Später etwa,
beim Zeitunglesen, nachdem alle Voruntersuchungen abgeschlossen und die
Mitarbeiter der Station wieder gegangen sind, dass der japanische Autobauer
Nissan jüngst selbstfahrende und selbstparkende Pantoffeln entwickelt hat.
Echt. Zum Glück fahren die Hausschuhe nur in Schrittgeschwindigkeit, so dass
schwerwiegende Unfälle ausgeschlossen werden können.
Kurz nach 17 Uhr wird das Abendessen serviert: zwei
Schreiben Körnerbrot, Hähnchen-Pastete mit Putenfleisch (!), Schmelzkäse in
Staniolhülle, Marmelade in Plastikschälchen, zwei weitere Plastiktöpfchen mit
Halbfett-Margarine, ein Plastikschüsselchen mit Rote-Rüben-Würfelchen. Lasse
einstweilen alles stehen, kalt kann es sowieso nicht werden. Ganz davon
abgesehen, dass mehr Verpackung als Inhalt aufgetischt wird.
Entdecke im Bad, über dem Waschbecken, einen mit Tesa
befestigten Zettel mit der handschriftlichen Notiz Kein Trinkwasser! Seltsam, ein Krankenhaus, in dem man sich von
Wasserhähnen besser fernhält.
Dienstag, 13. März 2018
Eine Chronik (69)
Gestern, auch verführt von den nahezu ausnahmslos vor
Begeisterung übersprudelnden Kritiken, in einem der dümmlichsten,
unsäglichsten, verlogensten, geschwätzigsten, unsinnlichsten, unästhetischsten,
unerotischsten, kitschigsten, lächerlichsten, hölzernsten, abgeschmacktesten,
lust- und leidenschaftslosesten, am miesesten geschauspielerten, kurzum: der
schlechtesten und folglich am meisten überschätzten Filme der letzten Jahre
gewesen: „Call Me By Your Name“. Danach in einem Restaurant, wo sich die
Qualität des Essens der des Films geradezu perfekt anpasste.
Im Vergleich zu den gestrigen Erlebnissen war der
vorgestrige Besuch in der Autowaschstraße und die Beseitigung der Winterspuren ein
künstlerischer Hochgenuss – aber nur, weil wir beim Einseifen, Abspritzen und
Trocknen im Wagen sitzengeblieben waren und uns von der gratis dazugebotenen
Lichtshow faszinieren lassen hatten.
Montag, 12. März 2018
Eine Chronik (68)
Ein paar Wochen Ruhe. Außer der Monatsspritze, alle 28
Tage. Und demnächst einer weiteren Bronchoskopie. Schon seltsam, wie alle diese
Untersuchungen mit der Zeit an Schrecken verlieren, zumindest einen Teil davon.
Und viele andere Dinge sich verlagern, die einen an Wert zunehmen, die andern
an Gewicht abnehmen. Nur ständig, wirklich unablässig, dieser riesige Schatten
im Hintergrund, über einem, in einem. Ein paar Wochen Pause, auch mit dem Blog.
Durchatmen. Pläne schmieden. Kleinigkeiten eigentlich, Banales, Normales.
Nach der Februar-Spritze zehn Tage Donostia, leider im
Regen. Dafür mundeten nach langer Zeit mal wieder ein paar Gläser Weißwein,
sogar einige Zurritos, am Tresen stehend, mit dreadgelockten Txurris zu Füßen
und leckeren Rationen auf den Hochtischchen in der umfänglich renovierten Bar
Astelena. Wie hieß die Serviererin mit dem Pferdegang nochmal: Salomé? In der
christlichen Mythologie die Inkarnation weiblicher Grausamkeit schlechthin,
gleichwohl die Verkörperung idealer Schönheit und purer Erotik.
(Aber darf man solche Ausdrücke heute, im Jahre 2018, in
Zeiten des neuen Puritanismus und Tugendfurors, überhaupt noch benutzen, ohne
sofort als Sexmonster abgekanzelt zu werden?)
Nun liegt endlich kein Schnee mehr. Temperaturen um zehn
Grad. Doch nirgendwo ein kühnes Blättchen, das eine grüne Spitze
hervorzustrecken wagt. Doch, sagt S., Schneeglöckchen, und die ersten Krokusse.
(Oder soll man bald nur noch über vermeintlich reine,
unschuldige Natur sprechen und schreiben? Schon seltsam, wie viel Angst die
Jungen von heute vor nackter Haut, Nähe und – pfui! – direktem Körperkontakt,
sogar bloß vor deren Darstellung in Texten und auf Bildern zu haben scheinen.
Von Blut, Rotz, Sperma und anderen Körperausscheidungen ganz zu schweigen.)
P.S.: Wie meinte S. dieser Tage: Sollte sich dieses oder
jenes Museum dazu entschließen, demnächst Werke von angeblich
pervers-sexistischen Malern wie Gauguin, Schiele, Picasso oder Balthus abzuhängen und für immer in seinen dunklen Lagern verschwinden zu lassen … – wir
wären gerne bereit, dem einen oder anderen Bild an unseren noch jungfräulichen
Wänden lebenslanges Exil zu gewähren! Also bitte melden …
Freitag, 26. Januar 2018
Eine Chronik (67)
Ein guter Tag: Schnee weg, ein Hauch von
Frühlingstemperaturen, vor allem die Mail von Dr. K., die mit Dr. H. von der
Nuklearmedizin gesprochen hat. Beide halten es für richtig, den weiteren
klinischen Verlauf abzuwarten und die sechste Radiopeptidtherapie frühestens im
März einzuplanen. Es bleibt also beim Februar-Termin für die nächste Somatuline-Spritze.
Laufe mit der Nachricht ins Arbeitszimmer von S., wir umarmen uns, sie
versucht, ein Tränchen vor mir zu verbergen, vergeblich. Gleich darauf buchen
wir Tickets ins Baskenland, wo bald ein bisschen Sonne zu sehen sein wird,
hoffentlich.
Am Nachmittag in die Stadt, ein paar Besorgungen erledigen,
eine Kleinigkeit essen, ins Kino. Leider enttäuscht der neue Film von François
Ozon uns sehr, abgesehen von dem roten Faden mit den diversen Katzen. Ansonsten
viel Durchschnitt und Unwahrscheinliches, nichts Spritziges, dafür lange
Durststrecken, viel Langeweile und Bof!
Nicht vergessen: Den kurzen Nepal-Text aus dem
„Giraffenbier“ üben, den ich demnächst vorlesen, in ein Mikrofon sprechen soll,
im Rahmen eines pädagogischen Projekts, für das er ausgewählt wurde.
Aber wieso fährt der ehemalige Arbeitskollege plötzlich
mit einem Lieferwagen an meinem Bett vorbei, mitten in der Nacht? Es sitzen
noch andere Leute in dem Auto, von denen ich niemanden kenne. Sie halten kurz
an, einer hat eine mehrfarbige Katze auf dem Schoß, und erkundigen sich
nach meinem Befinden. Ich sage ihnen, ich sei zu müde, um ihnen das alles im
Detail zu erklären, sie möchten doch bitte wiederkommen, wenn ich ausgeschlafen
bin. Daraufhin rollt mein ehemaliger Arbeitskollege mit den Augen, bläst
entnervt die Backen auf und fährt kopfschüttelnd davon. Endlich kann ich
weiterschlafen.
Dienstag, 23. Januar 2018
Eine Chronik (66)
Letzte Woche: erneute DOTATOC-PET/CT-Untersuchung in der
Uniklinik. Ablauf wie immer. Zuerst muss eine Einverständniserklärung
ausgefüllt und unterschrieben werden, in der ich mich mit der Durchführung einverstanden
erkläre, obwohl „nicht garantiert werden kann, dass diese Untersuchung Vorteile
in der Diagnostik und späteren Therapie Ihrer Erkrankung bringt“, wie der
behandelnde Arzt mir zu verstehen gibt.
Habe ich eine andere Wahl? Wird mir von sonstwo ein
Rettungsanker zugeworfen? Wie und womit soll ich den ungebetenen Gast
vertreiben? Fasten soll helfen, denn Tumore mögen es angeblich nicht, auf Diät
gesetzt zu werden.
Also unterschreibe ich und warte. Auch auf die noch immer
nicht zurückgesandten Formulare, ohne die die Therapie nicht fortgesetzt werden
kann, außer, ich zahle für alles selbst. Hängepartien, wieder und wieder. Weil
irgendjemand in irgendeinem Büro sich viel Zeit lässt. All die Zeit, die ich
vielleicht gar nicht mehr habe, doch wen interessiert das, in irgendeinem Büro,
für den der Antragsteller kein Gesicht hat und keine Geschichte, nur eine
Nummer.
Und nun? Heftiger Schneefall in den beiden letzten Tagen.
Doch jetzt scheint die Sonne, erneut beginnt es zu tauen. Morgen geht es wieder
einmal zu Dr. K., der Onkologin. Die Einzelheiten der künftigen Behandlung
müssen besprochen werden. Noch ein Therapie-Zyklus, also drei bis vier
neuerliche Tage im Nuklearbunker? Und wenn ja, wann? Kurzfristig oder erst in
ein paar Wochen? Könnte ich vorher nicht noch einmal kurz verreisen? Wir waren
schon so lange nicht mehr weg, in Donostia soll es derzeit wenigstens über zehn
Grad warm sein, wenn auch mit Regen.
Wie ich mich auf das Abendessen freue! S. bereitet
Rinderfilet auf thailändische Art zu, gestern hat sie Waffeln gebacken, extra
für mich.
Sonntag, 21. Januar 2018
Eine Chronik (65)
Die große Schneeschmelze über Nacht. Am Morgen kein
einziges Flöckchen mehr da. Nur die übliche Übelkeit nach dem Aufwachen. Die
Erschöpfung am oberen Ende der Treppe. Nach dem Frühstück der rote Sessel, ein
Glas Wasser sowie Magen- und Schmerztabletten. Zehn Minuten später setzt die
Wirkung ein, man kann dem unangenehmen Gefühl förmlich dabei zusehen, wie es
sich davonmacht.
Am Rechner sitzen; der Versuch, die Korrekturvorschläge von
S. in das Manuskript des neugeschriebenen Romans von vor bald 30 Jahren zu
übertragen. Novel revisited. Muss
mich dranhalten, die aktualisierte Fassung wird wohl noch ein bisschen
Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Doch es bereitet große Freude, bei aller Mühe.
Das ist nun auch schon wieder drei Wochen her. Seit dem 9.
Januar, seit dem Monatsdepot mit Somatulin, keine selbst verabreichten, subkutanen
Sandostatin-Spritzen mehr. Erleichterung. Und besseres Befinden, allgemein. Bis
sich am späten Nachmittag die Müdigkeit heranschleicht. Roter Sessel, ich komme!
Lese, nicke ein, döse, lese weiter, höre Musik. Messe regelmäßig Blutdruck und
Puls. Koche, esse, sehe fern. Schlafe. Und am nächsten Tag Fortsetzung der Arbeit
an der Neufassung des Romans von 1989. Lasse mich überraschen.
Samstag, 30. Dezember 2017
Eine Chronik (64)
Er ist also wieder da. Fünf, alles andere als ereignisarme
Wochen später. Fünf Wochen, in denen nur Lesen, Musikhören, ein paar Besuche
möglich waren. Fünf Wochen, in denen ihm sechs bis sieben Kilo Körpergewicht
verlorengegangen sind, weshalb er in seinem Hosengürtel mit Hammer und spitzem
Schraubenzieher ein zusätzliches Loch anbringen musste. Fünf Wochen, in denen
an Schreiben nicht zu denken war, am allerwenigstens an den Tagen, da er zwei
Spitzen einer Gabel aus Plastik in den Nasenlöchern stecken hatte, die auf
einem dünnen, karibikblauen Schlauch saß.
Dann der Versuch, mit der Hand und der zufällig
wiedergefundenen alten Füllfeder ein paar Wörter niederzuschreiben. Was
misslingt. Doch allein die Geste tut gut, die Bewegung, auch wenn der
gewünschte Schwung noch fehlt. Doch auch der wird wiederkommen. Wie –
hoffentlich – auch die Muskeln, die sich in den Unterschenkeln und Oberarmen
einfach aufgelöst zu haben scheinen, verflüchtigt, weggeschmolzen. Stellenweise
sind nur Haut und Knochen übrig, blaue Flecken, rote Pünktchen von den
Einstichnadeln, den Spritzversuchen. Er kann gut verstehen, wenn B., die
Nachbarin, schreibt, manchmal würde sie sich am liebsten hinter der Heizung
verkriechen. Platz wäre jetzt ja genug da, fast. Zu essen braucht er sowieso
nicht mehr viel, an manchen Tagen genügen ein paar Tropfen Wasser. Und die
richtigen Bücher, die er im ganzen Haus verteilt hat, für den Fall, dass er
zufällig irgendwo vorbeikommt, Mattigkeit ihn überwältigt und er sich zum
Verschnaufen kurz hinsetzen muss. Lesestoff liegt dann stets parat, sowie ein
Bleistift und ein Zettel, für den Fall, dass etwas festgehalten,
niedergeschrieben werden muss.
S. macht das alles klaglos mit. Ist nicht selbstverständlich. Muss mich
mal in aller Form bei ihr bedanken. Dafür, dass sie sich nie beschwert, alles
erträgt, neulich tagelang kreuz und quer durch Agadir unterwegs war, um alle
nötigen Formulare zu besorgen, Rechnungen zu bezahlen, Kontakte zu knüpfen,
Transfers zu arrangieren, Hindernisse zu beseitigen, Zeitpläne zu koordinieren.
Auch daran denke ich immer wieder, wenn ich nachts im Bad stehe, wie in dem Gedicht
von Harald Hartung, die Autogeräusche im Hintergrund, weil die Welt sogar um
diese Zeit noch unterwegs ist, wie kalt sind die Fliesen, und der Fremde im
Spiegel mir rät, ihm doch gefälligst aus dem Weg zu gehen.
Freitag, 29. Dezember 2017
Eine Chronik (63)
Kurz vor Weihnachten. Fünfter Therapiezyklus im
Nuklearbunker, diesmal von dienstags bis freitags, also einen Tag länger als
bisher. Bevor der erste Blutstropfen fließt, informiere ich die zuständigen
Personen über die Vorfälle der letzten vier Wochen. Oberarzt Dr. H. weiß sofort
eine Erklärung – und bestätigt die Vermutungen von Dr. W. Infolge des während
der Therapie entstehenden „Untergangs“ von Tumorzellen ist es zu einer
mehrtägigen erhöhten Ausschüttung von in Tumorzellen gebildeten Hormonen gekommen.
Diese geht mit Kreislauf- und Atembeschwerden, Übelkeit, Kopfschmerzen,
neurologischen Symptomen sowie der sogenannten Flush-Symptomatik einher … – Genau
so steht es in den Patienteninformationen unter dem Zwischentitel „Risiken und
mögliche Nebenwirkungen“, die ich nun bereits zum fünften Mal ausgehändigt
bekomme, aber bisher immer nur überflogen habe. Nach dem Motto: „Mir wird das
alles schon nicht passieren!“ Und überhaupt: Was kann man sich Besseres
wünschen als den „Untergang von Tumorzellen“, als die Stable Disease mit
teilweise rückläufigen bzw. einzelnen sogar nicht mehr nachweisbaren Tracermehranreicherungen
sowie ohne Nachweis einer neu aufgetretenen malignomtypischen
Nuklidanreicherung, auf die in der ärztlichen Beurteilung nach dem jüngsten
PET-CT hingewiesen wurde?
Das leidigste Problem in diesen Tagen: meine Venen.
Entweder sind sie geradewegs unsicht- und unfühlbar oder so fein, dass sich kein
Katheter hineinschieben lässt, oder so gewunden, dass jede Nadel sofort an
hinderliche Wände stößt. Ist es an der Zeit, mir einen Port implantieren zu
lassen, im Hinblick auf künftige Blutentnahmen und Infusionen? Überwiegen die
Entzündungsrisiken oder die Vorteile für Patient und Klinikpersonal?
Vor wenigen Tagen ist Lisa Berg, die seit 2015 an
Leukämie erkrankte Cellistin, verstorben. Drei Jahre. Da beginnt man auch
selbst zu rechnen, falls man es nicht sowieso schon tat, nach Erhalt der
eigenen Diagnose, und es immer noch tut, fast täglich, wenn nicht noch häufiger.
Donnerstag, 28. Dezember 2017
Eine Chronik (62)
Taghazout ist ein herrlicher Flecken. Im Hotel, das wir
bereits letztes Jahr besuchten, werden wir fast schon wie Stammgäste umgarnt.
Keinerlei Hektik, entspannter Betrieb, wolkenloser Himmel bei idealen
Temperaturen um 24 Grad und eine Lektüre, die mich von den ersten Zeilen an
tief ins Buch hineinzieht, so dass die rund 500 Seiten einen gar nicht abzuschrecken
vermögen, ganz im Gegenteil. Heute, da das Werk ausgelesen ist, kann ich es ja
sagen: Der neue Roman (oder sind es Erzählungen, wie die verwackelte
Genrebezeichnung auf dem Buchcover ebenfalls suggeriert?) von Nico Helminger,
„Kuerz Chronik vum Menn Malkowitsch …“, ist eine Wucht, mein Buch des Jahres
2017, all denjenigen unbedingt zu empfehlen, die etwas über den momentanen
Zustand des Landes Luxemburg und der dort lebenden Menschen erfahren wollen,
spannend, krude, passagenweise ein bisschen dick aufgetragen, aber stets
politisch wunderbar inkorrekt, saftig und kraftvoll erotisch-pornografisch, ambitioniert,
augenöffnend, alle literarischen Register der luxemburgischen Sprache ziehend,
dennoch süffig zu lesen …
Am vierten Tag in Marokko allerdings die Ernüchterung:
dieselben Symptome wie 14 Tage zuvor in Walferdingen. Allergische Reaktion (auf
ein am Straßenrand, über offenem, mit Benzin angefachtem Feuer gegrilltes
Hähnchen?) mit Erbrechen, Kopf- und Magenschmerzen, Schwellungen und Rötungen,
rasende Herzschläge. Am späten Abend holt mich ein Wagen von SOS AMU am
Hoteleingang ab. Mit Blaulicht und Sirene geht’s nach Agadir, in die
Notaufnahme der Polyclinique Illigh. Ich kann Ihnen, lieber Leser, bestätigen:
Marokkanisches Pflegepersonal ist mindestens so eifrig und bemüht wie
westeuropäisches, aber die ganzen Maschinen und Apparaturen, die ihm zur
Verfügung stehen, sind leider nicht auf dem neuesten Stand. Egal, all die Himas
und Aischas, die Ahmeds und Mohammeds schafften es, mich binnen drei Tagen
soweit wieder auf die Beine zu bringen, dass ein Jet der Air Rescue auf dem Al
Massira-Flughafen landen, mich an Bord nehmen und kompetent nach Hause bringen
konnte. Eigene Liege, Decken, Getränke und Essen nach Wunsch – der perfekte
Bordservice, das reinste First Class-Erlebnis. Zum zweiten Mal innerhalb von zwei
Wochen lande ich in der hauptstädtischen Zithaklinik, man kennt mich dort, auf
der Nuklearstation, schon. Auch die Prozedur ist die gleiche wie beim letzten
Mal. Tropf an Tropf an Tropf. Und die Idee von Dr. W., dass die Beschwerden
vielleicht doch als Nebenwirkungen der Radiopeptidtherapie einzuschätzen sind.
Also verschreibt er mir Sandostatin 100-Spritzen, die ich mir von nun an
zweimal täglich selbst subkutan verabreichen muss, zwecks Bekämpfung der
Überproduktion bestimmter Hormone und ähnlicher körpereigener Stoffe im Magen,
welche das natürliche hormonelle Gleichgewicht im Körper stören.
In den Tagen danach: viele Stunden Ruhe, ideal zum Lesen (etwa der
wunderbaren Kurzgeschichten von Lucia Berlin), zum Musikhören (in endloser
Schleife: Symphony No. 3 von Henryk Górecki) …
Mittwoch, 27. Dezember 2017
Eine Chronik (61)
Wollte da etwa ein fieses Rieslingspastetchen jemanden
definitiv zum Schweigen bringen? So kam es dem Verzehrer besagten Snacks
jedenfalls vor, nachdem er gleich am ersten Tag der diesjährigen Büchertage in
Walferdingen (ja, gut fünf Wochen, so lange ist das bereits her!) plötzlich
übelstes Unwohlsein verspürte. Mit dem Resultat, dass er tags darauf auf der
Intensivstation landete, mit Kreislauf- und Atembeschwerden und tomatenrot
angeschwollenem Gesicht und ohne Hunger noch Durst in den nächsten fünf Tagen.
Ein einleuchtender Grund für den Kollaps fand sich nicht
– Lebensmittelvergiftung, Magenzisten, Herzbeschwerden, mangelhafte
Schilddrüsenfunktion? Vermutungen gab es viele –, aber während der langen
Stunden an diversen Tröpfen stellte sich ein einigermaßen stabiler
Gesundheitszustand allmählich wieder her. So dass der Patient am Ende entlassen
werden konnte, zwar nicht geheilt, aber immerhin imstande, auf nicht allzu
wackeligem Fuß zu stehen. Und bereit, die schon länger geplante Marokko-Reise
Anfang Dezember, trotz Bedenken, aber mit ärztlichem Segen, wohlgemut
anzutreten.
Freitag, 17. November 2017
Eine Chronik (60)
10:15. Bei Wasser und Brot … ähm, nein, bei Latte
Macchiato und Schokocroissant in der Cafeteria. Es bediente mich, wie auf dem
Kassenzettel steht, „Theke 2“ – hellbraun gelockt, äußerst freundlich und fast
schon unanständig gut gelaunt. Während ich im Kaffeeglas rühre, fällt mir der
Traum der vorigen Nacht ein: Die Begegnung mit einem alten Bekannten, der mir
plötzlich viel kleiner vorkommt als früher. Als er davongeht, erkenne ich, dass
sein linkes Bein unterhalb des Knies amputiert ist und anstelle seines rechten
Beins ein kurzer, hölzerner Stock aus seinem Unterleib ragt, wie oft bei
Kapitänen in alten Piratenfilmen.
10:35. Vom Gebäck sind nur Krümel übrig, das Glas ist
leer. Blicke mich um: Den größten Raum im Eingangsbereich der Klinik nimmt eine
Bankfiliale ein. Gleich daneben der Zeitungs-, Süßigkeiten- und Souvenirladen.
Dort gibt es auch Fertiggerichte zu kaufen. Zum Glück muss ich mich erst
nächste Woche wieder mit Spitalskost begnügen.
10:45. An der Eingangstür zur Abteilung Nuklearmedizin
hängt ein Schild: „Aus Hygienegründen verzichten wir auf das Händeschütteln.
Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Nehme, etwas verfrüht, im Behandlungszimmer
Platz, zum dritten Mal für heute. Blättere in dem mitgebrachten
„Reportagen“-Band Nr. 34 vom Mai 2017. Die Albanerin streckt den Kopf herein
und erkundigt sich nach meinem Befinden. Gut, sage ich.
11:00. Nächste Blutabnahme durch MTRA Heike W. Frage die
Dame, was MTRA bedeutet: Medizinisch-technische Radiologie-Assistentin. Alles
fließt wie geölt. Nehme erneut auf dem Warteflur Platz, lese weiter in dem Artikel
über Sex, Lügen und YouTube.
11:55. Vierte Blutabnahme. Zunächst kommt der dunkelrote
Saft nur getropft. Muss den Arm etwas tiefer hängen lassen. Wir sollten die
Erdanziehungskraft nutzen, sagt die MTRA. Dann wickelt sie erneut den
schützenden Verband um den Zugang. Bis in einer knappen Stunde, sagt sie. Bis
dann, sage ich und gehe. Draußen steht die Imbissbude vom Fritten-Heini. Schaue
mir kurz die Tafel mit seinen Angeboten an, lasse es dann aber lieber.
Entscheide mich für drinnen – leider. Denn die groß beworbene Tomatencremesuppe
schmeckt wie die Tomatensauce aus der kindheitsfernen Mirácoli-Packung, also
irgendwie eklig. Zur besseren Verdauung hole ich mir im Laden nebenan einen
Riegel weißer Schokolade mit zerbröselten Cornflakes. Ebenfalls keine
Offenbarung. Ab 12:30 muss ich intensiv Wasser trinken, um die Nieren auf Trab
zu bringen.
Wann die Kamera nach 13:00 frei sein wird, ist laut MTRA
momentan nicht abzusehen. Es könne aber noch dauern – was immer das heißt. Gut,
dass ich für die Lektüre eines der umfangreichen „Reportagen“-Artikel zwischen
40 und 50 Minuten brauche.
So vergeht die Zeit ziemlich schnell. Allmählich lichten
sich die Wartebereiche. Einmal schlendert eine Frau weinend den Flur hinunter.
Dann Geräusche von Stöckelschuhschritten, die um zwei Ecken verhallen.
Mein wartendes Gegenüber betrachtet minutenlang seine
Fingernägel. Ab und zu keucht der dickleibige Mann, einmal knurrt er etwas, das
sich wie „Bier“ anhört.
13:50. Werde in den Scan-Raum gebeten. Muss alles
Metallische ablegen und mich mit halb heruntergelassener Hose auf die Pritsche begeben.
Ab jetzt bitte nicht mehr bewegen, sagt der junge Mann, einer der zahlreichen
Praktikanten, denen ich in den letzten Monaten hier begegnet bin. Die Pritsche
ruckelt ein wenig. Von irgendwo ein dumpfes Geräusch. Stimmen aus dem
Nebenraum. Einmal huscht Dr. T. vorbei. Wenn es gerade nicht irgendwo im
Gesicht, auf der Brust, an Armen oder Beinen kribbelt und juckt, drohe ich
einzunicken.
Die eigentliche Nierenszintigrafie dauert rund 45
Minuten, inkl. fünfter und sechster Blutentnahme. Dann darf ich gehen, sieben
Stunden später. Rasch nach draußen, tief Luft holen. Warten auf S. Trotz
Sonnenschein ist es kalt und feucht, fast schon usselig. Acht Minuten später
fährt S. vor. Sie freut sich, dass es mir gut geht.
Donnerstag, 16. November 2017
Eine Chronik (59)
Kurz nach acht Uhr auf dem Parkplatz des Klinikums. Neben
dem Haupteingang steht ein Leichenwagen mit laufendem Motor, wartet. Der Fahrer
starrt auf sein Handy. Der Sargraum ist leer.
Im zweiten Untergeschoss empfängt uns die ältere Krankenschwester
mit dem krausen Schopf. Vor 14 Uhr werde die heutige Sitzung auf keinen Fall
beendet sein, erklärt sie. Eine der beiden Kameras sei kaputt, deshalb würden
die Untersuchungen diesmal etwas länger dauern. So weiß S. zumindest Bescheid
und kann ihren Tag besser planen, bevor sie mich irgendwann am Nachmittag
wieder abholen kommt.
Eine Stunde später. Dr. T., die charmante albanische Assistenzärztin,
stellt sich vor. Bisher haben wir uns ja noch nicht kennengelernt, stellt sie
zur Begrüßung fest. Richtig, erwidere ich, aber wie war Ihr Name? Sie deutet
auf das Ausweiskärtchen, das von der Brusttasche ihres weißen Kittels baumelt. Ich
solle doch raten, wo sie herkomme. Osten?, mutmaße ich. Nein, nicht ganz, sagt
sie. Die Buchstabenkombination S und H in ihrem Nachnamen irritiert mich.
Mittelmeeranrainer?, taste ich mich vor. Ja, erwidert sie. Aber Ihr Name klingt
weder italienisch noch spanisch oder französisch, sage ich. Also Albanien. Genau,
sagt sie, übrigens völlig akzentfrei, alle Achtung! Aber wie kommen Sie nur darauf?
Wegen des Hs hinter dem S, sage ich.
Dann zieht sie violette Gummihandschuhe an und versucht,
mir zwei Zugänge zu legen: einen roten in den rechten Unterarm, einen blauen in
den linken. Die üblichen Probleme bei der Suche nach aufnahmefähigen Adern. Am
Ende klappt es in jedem Arm beim ersten Versuch. Respekt, sage ich, das
bekommen nicht viele hin. Die Albanerin schmunzelt.
Zwischendurch klingelt dreimal ihr Handy. Sie klemmt es
sich zwischen Schulter und Ohr und macht mit den Nadeln und Stöpseln und
Pflastern einfach weiter. Einmal erklärt sie ihrem Anrufer: Ich bin grad bei
der Niere.
Die Niere bin in diesem Fall ich, ein bisschen kümmerlich
dasitzend, mit zwei hochgekrempelten Hemdsärmeln und einem dünnen Schal um den
Hals. Dr. T. verabschiedet sich, bis später, und geht.
Erste Blutabnahme in einer Stunde. Setze mich in der
Zwischenzeit ins Wartezimmer, wo heute für einmal sehr viel Betrieb herrscht.
Patienten jeden Alters, wie gehabt, aus allen sozialen Schichten, sofern man
das auf einen ersten, flüchtigen Blick erkennen kann. (Man kann!) Alle blicken
mehr oder weniger trübselig drein. Einer zippelt an der Haut auf den
Nagelbetten seiner Finger, einer wischt und tappt auf seinem Handy herum –
dabei gibt es hier unten auf der Nuklearstation gar kein Netz, also spielt er
vermutlich irgendein Menschenfresser- oder Massaker-Spiel –, niemand greift zu
den ausliegenden Illustrierten oder liest eine Zeitung, in einem Buch. Selten
fällt ein Wort.
Auch die bekannten Gesichter, die in weißen Kitteln
herumlaufen, schweigen. Eine durchaus absurde Szenerie; man müsste eine Kamera
aufstellen und über Stunden hinweg filmen, was auf den Fluren so alles
passiert: Patienten, die kommen und wieder gehen; Personal, das von links nach
rechts durchs Bild läuft und meist kurze Zeit später auch wieder von rechts
nach links, einmal mit Mäppchen, einmal ohne, diverse Gestelle auf Rädern vor
sich her schiebend, einen Papierstapel unter den Arm geklemmt, mit losen
Zetteln in der Hand. Ein experimentelles Videoprojekt mit dem Titel „Nuclear Promenades“,
ohne Mudam- oder Casino-Auftrag.
Zudem ist ein Teil des Flurs hinter einem Sichtschutz aus
Plastikplanen verborgen, eine Art Baustelle auf einem der Gänge. Vorhin
erwähnte jemand, dass ein alter Scanner durch einen neuen ersetzt würde.
Soeben schlich ein Mann in Zivil heran und schlüpfte
hinter die undurchsichtige Wand wie hinter einen Theatervorhang. Später bewegte
sich dort etwas, ein stummer Schatten hinter einem Schleier aus Milch.
9:45. Noch zehn Minuten, dann kurve ich um zwei Ecken,
mache den linken Arm frei und lasse mir zum zweiten Mal Blut abzapfen. Manchmal
wird in den Warteräumen aber auch so laut und ausdauernd geplappert, dass nicht
an Lesen und schon gar nicht an Schreiben zu denken ist.
Noch fünf Minuten. Einer der Wartenden ist schlimm
erkältet, hustet, schnüffelt und schnäuzt sich ohne Unterlass. Noch vier
Minuten. Danach gehe ich nach oben, kurz an die frische kalte Luft und in der
Cafeteria einen Kaffee trinken, ein Stück Gebäck essen. Hatte noch keinen
Hunger, früh am Morgen.
Sonntag, 12. November 2017
Eine Chronik (58)
Der neueste Befund nach dem jüngsten PET-CT kommt mit der
Post. Er bestätigt, was der provisorische Ärztebericht nach dem letzten, dem
vierten Radiopeptidtherapie-Zyklus schon angedeutet hatte: „Formell zeigt sich
ein Stable Disease mit jedoch rückläufigen bzw. einzelnen sogar nicht mehr
nachweisbaren Tracermehranreicherungen sowie ohne Nachweis einer neu
aufgetretenen malignomtypischen Nuklidanreicherung. Des Weiteren gibt es einige
vorbeschriebene Metastasen, die aktuell nahezu keine pathologische
Traceranreicherung mehr aufweisen …“ Capito? Grund zu feiern?
In den letzten Wochen gab es jedenfalls kaum Anlass, dem
ungebetenen Gast besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Hätte er, der alte
Störenfried, auch gar nicht verdient gehabt. Stattdessen die Batty Weber-Sache
in Mersch, diesbezügliche – und völlig unerwartete – Glückwünsche seitens des
Vorstandes von Jeunesse Esch, meinem Club seit mehr als dreißig Jahren, kurze Erholung
im nordspanischen Restsommer inkl. munter durchwachsene Ergebnisse von Real
Sociedad, meinem baskischen Lieblingsverein seit nun auch schon bald zwanzig
Saisons, ausgiebige Lektüre, ein spitzer Kommentar zu diesem und jenem …
mitsamt ziemlich häufig ziemlich kryptischen Reaktionen, die nur eine tastende
Schlussfolgerung zulassen: Sind wir, ja, wir alle, dabei, in die allgemeine
Verblödung abzudriften, oder haben wir in unserer „hysterisch-bigott
hypermoralisierten Gesellschaft, wo wir angeblich so viel toleranter sind und
libertärer“ (Thea Dorn), diesen Zustand, ohne es zu merken, längst erreicht?
Wie auch immer, übermorgen steht die erneute Durchführung einer Nierenfunktionsbestimmung auf
dem Programm. Tut nicht weh, dauert bloß fünf bis sechs Stunden, verlangt also
Geduld und reichlich Lesestoff im Rucksack. Kurz danach beginnen die Walfer
Bicherdeeg 2017 – eine willkommene Ablenkung, auch wenn mein Tumor unbedingt mitkommen,
den ganzen Trubel nun schon zum zweiten Mal miterleben will. Na gut, wenn er sich
zu benehmen weiß, dann ist das halt so.
Sonntag, 22. Oktober 2017
Eine Chronik (57)
In unserem Wohnzimmer, zwischen Tür und Kamin, steht ein
Klavier. Vor dem Klavier steht ein höhenverstellbarer Klavierhocker, das heißt,
die rechteckige Version eines Hockers, die auch noch als Pianobank bezeichnet wird,
mit samtig sich anfühlendem Sitzpolster. Auf dem Klavier liegt ein Stapel Notenhefte,
von Bach über Chopin bis Mozart und zurück. Neben dem Stoß Hefte steht ein
Metronom, eines dieser Geräte, die durch akustische Impulse in gleichmäßigen
Zeitintervallen ein konstantes Tempo vorgeben. An der Wand hinter dem Klavier
hängt ein Bild von Lantz. Unser Freund hat noch nie eine Wüste betreten, aber
eine Zeitlang malte er die schönsten Wüstenbilder mit den seltensten Wüstentieren,
die man sich vorstellen kann. Hinter der Wand mit dem Wüstenbild kommt die
Fassade unseres Hauses, die wegen ihrer exponierten Lage (Wind! Regen! Graupel!
Schnee! Sonne! Hitze!) mit Schieferplatten verkleidet ist und die, fragte man
sie, ganz andere Geschichten zu erzählen wüsste.
Ich kann mich, ehrlich gesagt, nicht erinnern, wo das
Klavier herkommt. Fest steht nur, dass ich es nicht in dieses Haus gebracht habe.
Dafür sind meine Arme zu schwach und meine zehn Fingerchen viel zu ungeschickt. Weder das Instrument noch Schemel oder Metronom waren demnach
jemals für mich gedacht, und sie sind es bis heute nicht.
Stattdessen habe ich S. im Verdacht, dass sie das Klavier
aus ihrer Jugend herüber ins Erwachsenendasein gerettet, aber ihre Ambitionen
in Richtung Klavierspielerinnenkarriere längst aufgegeben hat. Ab und zu nimmt
sie wohl noch auf dem Hocker Platz und klappt den Deckel hoch, um die 88 Tasten
freizulegen. Doch eher sind lange Spielpausen die Regel. Zumal S. derzeit
Probleme mit dem kleinen Finger der linken Hand hat. Er fühlt sich meistens
taub an, manchmal aber auch schon beinahe wie abgestorben. Dabei hat ihr
Klavierspiel ihr schon so manches Kompliment eingebracht, u. a. seitens unseres
Malerfreundes Lantz, und immer wieder kommt es vor, dass ein Gast, so
unmusikalisch er auch sein mag („Oh, ein Klavier! Ein Klavier!“), sie bittet,
uns doch mal etwas vorzuspielen, der versammelten Gesellschaft eine Kostprobe
ihres Könnens zu liefern oder, wie derbere Gemüter mitunter fordern, einmal
kräftig in die Tasten zu hauen. Meistens kommt S. diesen Bitten und Wünschen
nicht nach. Recht hat sie. Auch wenn sie, was durchaus vorkommt, mit einem
gewissen Dünkel auf diejenigen herabschaut, die, wie ich, Makkaroni abkriegten,
als sie beim Herrgott um Finger anstanden.
Für das Nudelbild bedanke ich mich bei der Tintenfisch-Kolumne in der
Neuen Zürcher Zeitung. Es wird auch unserem Freund Lantz gefallen, da bin ich
mir ganz sicher.
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