Was zwischendurch, vor dem zweiten Zyklus der Radiopeptidtherapie,
zu sehen, zu hören, zu fühlen war: Tausende Basken im Trommelfieber, ein
fünfteiliges Kochtopf-Set im Sonderangebot, eine Fräse, die das Schneemassiv
rund ums Haus paradoxerweise immer höher werden ließ, ein Geburtstagsaffe mit
bunten Wäscheklammern im Pelz und zwei Bananen bewaffnet, zwei verdiente
Niederlagen der Blauweißen gegen Barça,
das neue Buch, ein Band mit Erzählungen, zur Feier des 60. mit Lesebändchen, ausnahmsweise,
unser zweites Interview im Diario Vasco, die Schwimmercollage von Luisa
Chillida, die nun in der Calle San Blas über dem neuen, sandfarbenen Sofa
hängt, klein und fein und allein an der großen weißen Wand; nicht zu vergessen:
der 3D-Bagger für Piet, unseren kleinen Freund aus Essen, eines Musikers
fabelhafte Ideen für den Fall, dass ihm der Posten des luxemburgischen
Kulturministers angeboten würde (falls ich könnte, würde ich sie alle
unterschreiben, ausnahmslos), und schließlich das Zeitungsinterview daheim, in
dem die Journalistin für meinen Geschmack dann doch ein bisschen zu oft den
Krebs bemüht, aber danach verlangen vermutlich ihre Leser. Oder ihre Chefs.
Donnerstag, 23. Februar 2017
Sonntag, 8. Januar 2017
Eine Chronik (26)
Dritter und letzter Tag des ersten Zyklus der
Radiopeptidtherapie. Schlecht geschlafen, für einmal. Rücken weh. Wegen der
Gummimatratze? Der Therapie? Der fehlenden Bewegung in den letzten Stunden?
Als der Patient, gegen sieben, endlich in Tiefschlaf abgetaucht ist, kommt Herr K. hereingestürmt, ekelhaft gut gelaunt. Temperatur, Blutdruck, Puls, Blutentnahme. Der alte Zugang liegt noch, gibt aber nicht genug Flüssigkeit her. Also nochmals gepiekst werden, für ein paar Milliliterchen.
Auch das Frühstück, das gleiche wie gestern, kommt früh. Doch kaum habe ich mir eine Brotscheibe bestrichen, werde ich erneut in die Dosimetrie zitiert, für weitere Kontrollaufnahmen. Ein Viertelstündchen auf dem Tisch hin und her geschoben werden, mehr ist es nicht, verspricht Herr K., grinsend.
Anschließend geht auf einmal alles sehr schnell. Nach dem Frühstück kommt der Pfleger, zieht mir den Zugang, klebt ein Pflaster auf die offene Stelle und weist mich an, mein Köfferchen zu packen und mich auf meine imminente Entlassung vorzubereiten. Ach ja, es ist Freitag, bis zum frühen Nachmittag soll die Station geräumt sein, wie Schwester G. gestern verriet.
Auch Frau Dr. I. lässt diesmal nicht lange auf sich warten. Sie überreicht mir den Arztbrief für die Onkologin, gibt ein paar zusätzliche Ratschläge und Erklärungen bezüglich der nächsten Therapieschritte und wünscht, es ist kurz vor Heiligabend, schöne Feiertage, einen guten Rutsch, bis nächstes Jahr.
Kurz nach neun sitze ich in der Cafeteria der Klinik und warte, dass S. mich abholt. Fühle mich gut, höchstens ein wenig erschöpft, schlapp, wacklig in den Knien. Lese mehr über Vivian und ihre Düfte.
Was ich zu erwähnen vergaß: die beiden Fotos, eins an der linken und eins an der rechten Zimmerwand. Rechts das Klischee von einem süditalienischen Dorf, links eine idealtypische Blumenwiese im Sommer. Ich kann mich einfach nicht der Versuchung erwehren, mich vor beiden Motiven zu fotografieren, und sei es nur halbhäuptig.
Und was ich zum nächsten Therapiezyklus in acht Wochen unbedingt einpacken muss: ein eigenes Kopfkissen, frisches Obst, Obstsäfte, Marzipan und … einen Flachmann mit ein paar gehörigen Schlucken Brandy.
Als der Patient, gegen sieben, endlich in Tiefschlaf abgetaucht ist, kommt Herr K. hereingestürmt, ekelhaft gut gelaunt. Temperatur, Blutdruck, Puls, Blutentnahme. Der alte Zugang liegt noch, gibt aber nicht genug Flüssigkeit her. Also nochmals gepiekst werden, für ein paar Milliliterchen.
Auch das Frühstück, das gleiche wie gestern, kommt früh. Doch kaum habe ich mir eine Brotscheibe bestrichen, werde ich erneut in die Dosimetrie zitiert, für weitere Kontrollaufnahmen. Ein Viertelstündchen auf dem Tisch hin und her geschoben werden, mehr ist es nicht, verspricht Herr K., grinsend.
Anschließend geht auf einmal alles sehr schnell. Nach dem Frühstück kommt der Pfleger, zieht mir den Zugang, klebt ein Pflaster auf die offene Stelle und weist mich an, mein Köfferchen zu packen und mich auf meine imminente Entlassung vorzubereiten. Ach ja, es ist Freitag, bis zum frühen Nachmittag soll die Station geräumt sein, wie Schwester G. gestern verriet.
Auch Frau Dr. I. lässt diesmal nicht lange auf sich warten. Sie überreicht mir den Arztbrief für die Onkologin, gibt ein paar zusätzliche Ratschläge und Erklärungen bezüglich der nächsten Therapieschritte und wünscht, es ist kurz vor Heiligabend, schöne Feiertage, einen guten Rutsch, bis nächstes Jahr.
Kurz nach neun sitze ich in der Cafeteria der Klinik und warte, dass S. mich abholt. Fühle mich gut, höchstens ein wenig erschöpft, schlapp, wacklig in den Knien. Lese mehr über Vivian und ihre Düfte.
Was ich zu erwähnen vergaß: die beiden Fotos, eins an der linken und eins an der rechten Zimmerwand. Rechts das Klischee von einem süditalienischen Dorf, links eine idealtypische Blumenwiese im Sommer. Ich kann mich einfach nicht der Versuchung erwehren, mich vor beiden Motiven zu fotografieren, und sei es nur halbhäuptig.
Und was ich zum nächsten Therapiezyklus in acht Wochen unbedingt einpacken muss: ein eigenes Kopfkissen, frisches Obst, Obstsäfte, Marzipan und … einen Flachmann mit ein paar gehörigen Schlucken Brandy.
Freitag, 6. Januar 2017
Eine Chronik (25)
Donnerstag, 7:30. Herr K. und sein Messgerät, mit
Manschette und Klettverschluss. Er misst Temperatur, Blutdruck und Puls. Die
gestrigen Infusionen zeigen keinerlei Nebenwirkungen. Seien Sie doch froh, sagt
Herr K. Wir reden über Fußball. Herr K. ist seit seiner Kindheit Anhänger von
Borussia Mönchengladbach. Vor zwei Tagen war er noch im Stadion. Wie damals,
1971, als Roberto Boninsegna, ein Spieler von Inter Mailand, auf dem Bökelberg nach
einem Büchsenwurf zu Boden ging.
Mir schwillt heute noch so der Kragen, wenn ich nur diesen
Namen höre! Bo-nin-segna!, sagt Herr K., hält die Hand vor seinen Hals und macht
eine Geste, als wuchere ihm dort eine riesige Geschwulst.
Kurz nach acht, noch während ich beim Frühstück sitze,
werde ich zur Messung der Strahlendosis in den Dosimeter bestellt. Herr K. geht
voran, durch die hell erleuchteten Flure des Labyrinths. Ich frage ihn, ob er
mir am Kiosk im Eingangsbereich der Klinik eine Tageszeitung besorgen kann. Ich
darf ja nicht raus aus dem Bunker, wegen der Radioaktivität in meinem Körper,
die hier von allen und immer nur „Aktivität“ genannt wird, vermutlich, weil das
neutraler klingt, vielleicht auch positiver. So wie niemand hier auf der
Station, zumindest nicht in Präsenz des Patienten, Wörter wie Tumor, Krebs,
Krankheit, Tod in den Mund nimmt.
Nach der Dosimetrie gibt es einstweilen nichts mehr zu
tun. Ich kann lesen, notieren, überlegen, so lange ich will. Genauer: Bis das
Mittagessen serviert wird, lange bevor es Mittag ist. Leichte Vollkost: in
Stückchen geschnittenes Hähnchenbrustfilet, dazu Basmati- und Wildreis sowie
Erbsen. Als Dessert Sommerfrüchtejoghurt und zwei Kekse.
Nach der Mittagspause steht ein SPECT auf dem Programm.
Ich lasse mir den Begriff erklären (Einzelphotonen-Emissionscomputertomografie: SPECT von englisch single photon
emission computed tomography) und verstehen trotzdem nicht wirklich, was diesmal
passieren wird.
Schwester G. schiebt mich, obwohl ich natürlich genauso
gut laufen könnte, im Rollstühlchen durch lange Korridore, um viele Ecken,
durch gläserne Türen, auf denen geschrieben steht: „Durchgang verboten“, an
Wartenden vorbei, die mich nur aus den Augenwinkeln anzuschauen wagen – wie ich
auch sie.
Bis auf die Unterhose ausziehen, hinlegen, Arme fest
an den Oberkörper pressen, nicht bewegen, auch nicht die Zehen. Zum Glück
kreist die Gammakamera – so heißt sie, das weiß ich inzwischen – um mich und
ich nicht um sie. Die Klimaanlage verströmt kühle Luft. Wenigstens hat man mir
eine dünne Wolldecke auf die nackten Beine gelegt. Zunächst juckt es an der
Nase, später auch noch auf der Stirn. Ich kann mich nicht wehren, nur
versuchen, das Jucken durch Konzentration und Willen zu bekämpfen. Oder an
Schwester G. zu denken, die versprochen hat, mir nach dem SPECT etwas Süßes
aufs Zimmer zu bringen.
Eine Stunde später sitze ich vor einer Tasse Kakao und
zwei Scheiben Zwieback mit Aprikosenkonfitüre. Vor wie vielen Jahrzehnten habe
ich zuletzt heiße Schokolade getrunken, Zwiebackkrümel an den Lippen kleben
gehabt?
Gleichzeitig lese ich bei Falkner von dem Mann,
„dessen Finger nach Vivians Möse dufteten“. Ein hübscher Kontrast. Aber habe
ich den Namen Vivian nachträglich nicht selbst eingesetzt, persönlichen Erinnerungen
folgend?
Abendessen kommt um halb sieben: das Gleiche wie
gestern. Meine Schuld! Hätte ja auch etwas anderes auf dem Bestellformular
ankreuzen können.
Mittwoch, 4. Januar 2017
Eine Chronik (24)
Erster Tag des ersten Zyklus der Radiopeptidtherapie.
Betrete das Klinikum kurz nach acht mit meinem altmodischen, radlosen Köfferchen,
in dem neben Kleidung, Wäsche und den üblichen Hygieneartikeln jede Menge Lese-
und Schreibstoff transportiert wird. Bin guter Dinge. Aber nicht lange. Bei der
Patientenaufnahme stellt sich heraus, dass – einmal mehr – diverse Formulare
fehlen. Endloses Herumtelefonieren, Diskutieren, Kopieren, Faxen, Mailen … Als
ich mich, zwei Stunden später, bereit erkläre, mit 2.000 Euro in Vorkasse zu
treten, geht alles plötzlich ganz schnell.
Mein Zimmer liegt auf Etage -2, nuklearmedizinische
Station NU01, Flur 30. Es trägt die Nummer 7, meine Glücksziffer. Ein Bett, ein
Tisch, ein Stuhl, ein Fernsehapparat, der an einem Schwenkarm von der Wand
hängt und mit einem Telefon kombiniert ist. Auf Wunsch und gegen Extrabezahlung
kann man über den Bildschirm auch ins Internet. Halb um das Bett herum verläuft
eine schulterhohe, massive Mauer, wegen des Strahlenschutzes, nehme ich an. Ich
vermisse einen Sessel, einen bequemen Lesesessel, warum nicht, man kann in der
freien Zeit doch nicht ständig auf dieser fiesen Gummimatratze liegen, auf dem
harten Stuhl hocken.
Trotz der Lage im Untergeschoss kommt durch zwei große
Fenster Tageslicht in den Raum. Doch öffnen lassen die Fenster sich nicht. Stattdessen
das ununterbrochene Rauschen der Ventilation. Auch die Zimmertür kann man von
innen nicht aufmachen. Für jede Kleinigkeit muss ich auf einen dicken roten
Knopf drücken und das Personal herbeiklingeln. Und ein Bad gibt es auch nicht,
weder Dusche noch Wanne, vermutlich damit keine Radioaktivität in die
Kanalisation gerät.
Kaum habe ich den Koffer ausgepackt, kommt Herr K.,
der Pfleger, mit dem Infusionsgestell und den langen Schläuchen hereingefahren.
Ihm folgt Dr. H., der die Tüten mit den Flüssigkeiten bringt: die
Lysin-Arginin-Lösung zwecks Nierenschutz, Cortison, Ondansetron als Prophylaxe
gegen Übelkeit sowie die eigentliche Therapiesubstanz 177Lu-DOTATOC.
Zunächst wird in die rechte Armbeuge ein Zugang mit
zwei Öffnungen gelegt. Mal gleichzeitig, mal abwechselnd gelangen die Tropfen
aus den diversen Behältern in mein Blut. Als erstes eine Kochsalzlösung, um die
Adern einmal kräftig durchzuspülen.
Den Arm so wenig wie möglich bewegend liege ich,
mangels Lesesessel, am helllichten Tag in Jogginghose und Hoody auf dem Bett
und möchte mich „Apollokalypse“ von Gerhard Falkner widmen, ein vorzeitiges
Weihnachtsgeschenk von S. Leider liegt das Buch unerreichbar weit weg auf dem
Tisch. Es ist mir peinlich, Herrn K. herbei zu befehligen. Also schaue ich dem
Tropf beim Tropfen zu.
Als nur noch die Nephroprotektion angeschlossen ist,
gibt es ein verspätetes Mittagessen, es ist bereits halb drei: Rindergulasch
mit Kartoffelknödeln (nur noch lauwarm) und Krautsalat (schon etwas matschig).
Als Nachtisch ein Quarkdessert und zwei Kekse. Nun hat Schwester G. Dienst. Sie
misst meinen Blutdruck, steckt mir die Spitze eines Thermometers ins Ohr.
Beiläufig erwähnt sie meine Blase, die ich angeblich zu früh geleert habe. Ich
frage, ob sie, falls nötig, etwas später ein bisschen Pipi von mir bekommen
möchte. Sie lehnt dankend ab.
Ab jetzt kommt Schwester G. jede halbe Stunde, um den
Blutdruck zu messen. Keine auffälligen Veränderungen, alles im grünen Bereich,
sagt sie, für Ihr Alter, Ihre Körpergröße, Ihr Gewicht. Das leichte Schwitzen
sei normal nach all den Infusionen. Vielleicht liege es auch bloß daran, dass
es ein bisschen schwül sei im Zimmer und keine frische Luft reinkomme.
Das erste Abendmahl besteht aus heißer Gemüsebrühe, an der
ich mir die Zunge verbrenne, je zwei Scheiben Roggenmischbrot und Weißbrot,
einer Scheibe Wurstaufschnitt, einer Scheibe Schnittkäse, einem Eckchen
Camembert, einem Töpfchen Konfitüre und 30 Gramm Butter.
Später am Abend, kurz vor neun, kommt die Schwester
von der Nachtschicht und zwackt die Lysin-Arginin-Lösung ab. In gut acht
Stunden sind zwei Liter in mich gelaufen, ein Tränchen nach dem andern. Endlich
kann ich mich wieder frei bewegen, im Zimmer, ohne das Gestell im Schlepptau,
den hochgeschossenen Hund auf Rädern. Und lesen, sogar mit angewinkeltem Arm.
Heute hat der Winter begonnen. Es war der kürzeste Tag
des Jahres. Ab morgen schenkt der Himmel uns mit jedem Tag ein paar Minuten
mehr Licht.
Montag, 19. Dezember 2016
Eine Chronik (23)
Düsterer Frühmorgen im Dezember. Wenigstens ist es weder kalt noch feucht und ein freier Parkplatz um diese Tageszeit leicht zu finden. Stattdessen die nächste unangenehme Überraschung an der Rezeption der Abteilung für Nuklearmedizin. Heute steht nicht nur, wie eigentlich vereinbart, ein locker hingeplaudertes Vorgespräch an, sondern eine ausführliche Nierenszintigrafie. Dauer: fünf bis sechs Stunden.
Als erstes wird Punkt neun Uhr „dieses radioaktive Zeug“, wie Dr. M es nennt, durch den Zugang im linken Arm gespritzt, dann Blut aus dem Zugang rechts gezapft. Eine Stunde später die nächste Blutentnahme. Zwischendurch darf der Patient mit verbundenen Armbeugen herumspazieren, sich in die Cafeteria setzen, ein Heißgetränk zu sich nehmen, Zeitung lesen, bei Bedarf ein paar neue Blognotizen niederkritzeln.
Elf Uhr: drittes Abzapfen. Ist in weniger als einer Minute passiert. Darf erneut im Warteraum Platz nehmen, mir einen Becher Wasser aus dem Spender genehmigen, den nächsten Zeitungsartikel lesen, mir noch eine Blogzeile ausdenken, während die Nieren ihre gewohnte Arbeit tun und zeigen sollen, dass sie die Behandlung, die nächste Woche angesetzt ist, problemlos wegstecken werden.
Bitte, liebe Nieren, lasst mich nicht im Stich!
Weitere Kunden der Nuklearabteilung kommen und gehen. Neulinge erkennt man an ihren zuckenden, verwirrten Blicken, ihrem Zögern, wenn sie da oder dort eintreten, da oder dort Platz nehmen sollen. Es kommt vor, dass jüngere Frauen unter den Novizen gerötete Augen haben oder sich rasch, damit es möglichst beiläufig wirkt, eine Träne von der Backe wischen. Routinierte Patienten hingegen verraten sich durch ihre Zielstrebigkeit, die Klarheit ihrer Gesten und Bewegungen. Sie wissen, dass sie die Schalter mit der Aufschrift „Türöffner“ drücken müssen, damit die Türen sich öffnen, sofern sie nicht gerade vor eine Tür kommen, die sich von selbst öffnet, wenn jemand sich ihr nähert.
Zwölf Uhr: vierte Blutprobe. Während des Wartens wird die Lektüre der Patienteninformationen empfohlen. Anschließend darf man sich einverstanden erklären oder seine Unterschrift verweigern.
Dreizehn Uhr: fünfte und letzte Entnahme. Danach geht es sofort auf den fahrbaren Tisch mit der unter der Tischplatte angebrachten Gammakamera. „Bitte nicht mehr bewegen!“ Eine neue Flüssigkeit wird in den Katheter gespritzt, diesmal rechts. Die muss sich verteilen, in die Nieren hinein und wieder aus den Nieren hinaus fließen.
Eine halbe Stunde dauert die Prozedur. Die Kamera zeichnet alles auf. Wenn kein deutliches Bild entsteht, muss die Sache wiederholt werden. Noch einmal zwanzig Minuten.
Für einmal habe ich Glück. Das Resultat ist eindeutig, schon nach dem ersten Durchgang: Die Nieren funktionieren bestens. Der dreitägigen Quarantäne steht im Prinzip nichts mehr im Weg. Ich erfahre, was ich in meiner kleinen Reisetasche alles mitbringen soll. Sogar eine Flasche Wein wird erlaubt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Vorab darf ich sogar schon den Speisezettel ausfüllen und soll angeben, was ich am kommenden Mittwoch, Donnerstag und Freitag in meinem mit Stahltüren gesicherten Zimmer essen will. Eine Dusche gibt es dort übrigens nicht.
Inzwischen wurde der Übersichtsplan im Flur der nuklearmedizinischen Abteilung gegen einen klareren ausgetauscht. In Kürze werde ich also Gelegenheit haben, dessen Effizienz zu testen. Radiopeptidtherapie mit 177Lu DOTATOC heißt der neue Hoffnungsstrick. Und draußen die Wintersonne.
Als erstes wird Punkt neun Uhr „dieses radioaktive Zeug“, wie Dr. M es nennt, durch den Zugang im linken Arm gespritzt, dann Blut aus dem Zugang rechts gezapft. Eine Stunde später die nächste Blutentnahme. Zwischendurch darf der Patient mit verbundenen Armbeugen herumspazieren, sich in die Cafeteria setzen, ein Heißgetränk zu sich nehmen, Zeitung lesen, bei Bedarf ein paar neue Blognotizen niederkritzeln.
Elf Uhr: drittes Abzapfen. Ist in weniger als einer Minute passiert. Darf erneut im Warteraum Platz nehmen, mir einen Becher Wasser aus dem Spender genehmigen, den nächsten Zeitungsartikel lesen, mir noch eine Blogzeile ausdenken, während die Nieren ihre gewohnte Arbeit tun und zeigen sollen, dass sie die Behandlung, die nächste Woche angesetzt ist, problemlos wegstecken werden.
Bitte, liebe Nieren, lasst mich nicht im Stich!
Weitere Kunden der Nuklearabteilung kommen und gehen. Neulinge erkennt man an ihren zuckenden, verwirrten Blicken, ihrem Zögern, wenn sie da oder dort eintreten, da oder dort Platz nehmen sollen. Es kommt vor, dass jüngere Frauen unter den Novizen gerötete Augen haben oder sich rasch, damit es möglichst beiläufig wirkt, eine Träne von der Backe wischen. Routinierte Patienten hingegen verraten sich durch ihre Zielstrebigkeit, die Klarheit ihrer Gesten und Bewegungen. Sie wissen, dass sie die Schalter mit der Aufschrift „Türöffner“ drücken müssen, damit die Türen sich öffnen, sofern sie nicht gerade vor eine Tür kommen, die sich von selbst öffnet, wenn jemand sich ihr nähert.
Zwölf Uhr: vierte Blutprobe. Während des Wartens wird die Lektüre der Patienteninformationen empfohlen. Anschließend darf man sich einverstanden erklären oder seine Unterschrift verweigern.
Dreizehn Uhr: fünfte und letzte Entnahme. Danach geht es sofort auf den fahrbaren Tisch mit der unter der Tischplatte angebrachten Gammakamera. „Bitte nicht mehr bewegen!“ Eine neue Flüssigkeit wird in den Katheter gespritzt, diesmal rechts. Die muss sich verteilen, in die Nieren hinein und wieder aus den Nieren hinaus fließen.
Eine halbe Stunde dauert die Prozedur. Die Kamera zeichnet alles auf. Wenn kein deutliches Bild entsteht, muss die Sache wiederholt werden. Noch einmal zwanzig Minuten.
Für einmal habe ich Glück. Das Resultat ist eindeutig, schon nach dem ersten Durchgang: Die Nieren funktionieren bestens. Der dreitägigen Quarantäne steht im Prinzip nichts mehr im Weg. Ich erfahre, was ich in meiner kleinen Reisetasche alles mitbringen soll. Sogar eine Flasche Wein wird erlaubt, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Vorab darf ich sogar schon den Speisezettel ausfüllen und soll angeben, was ich am kommenden Mittwoch, Donnerstag und Freitag in meinem mit Stahltüren gesicherten Zimmer essen will. Eine Dusche gibt es dort übrigens nicht.
Inzwischen wurde der Übersichtsplan im Flur der nuklearmedizinischen Abteilung gegen einen klareren ausgetauscht. In Kürze werde ich also Gelegenheit haben, dessen Effizienz zu testen. Radiopeptidtherapie mit 177Lu DOTATOC heißt der neue Hoffnungsstrick. Und draußen die Wintersonne.
Sonntag, 18. Dezember 2016
Eine Chronik (22)
Zwischendurch tatsächliche Distanz, wenn auch nur räumlich, geografisch sozusagen. Zehn Tage Auszeit in Marokko. Meer, Sonne, Wärme, Lesen, Flanieren, Notieren – Abschalten. So gut es eben geht. Mein Tumor, der unerwünschte Gast, ist mit dabei, macht aber natürlich keinen Urlaub, auch wenn er sich in diesen Tagen diskret zeigt, sich freundlicherweise zurückhält. So wie er sich, seit er sich an meine Fersen geheftet hat, bislang ja eigentlich die meiste Zeit als relativ friedfertig erwiesen hat.
Farid, dem Arganölverkäufer, Abdul, dem Halsabschneider im langen Gewand des Souvenirhändlers, der attraktiven Soukaina, die mit ihrer Mutter und ihrer Tante ein Wochenende im 5-Sterne-Hotel verbringt, Abderrahman, dem Friseur, Amin, dem Wachsoldaten am unter Palmen versteckten Königspalast in Agadir, Hasma, der Managerin der Frauenkooperative in Taghazout, Aziz, dem Golflehrer, Isabelle, der rechten Hand des Hoteldirektors, Karim, dem Berber, Marouane, dem Hilfskellner, Noura, der Oberkellnerin, Hamid, dem Minibusfahrer, Lisbeth, der Mutter der niederländischen Fix-und Foxi-Zwillinge … – ihnen allen brauche ich nicht mit meinem ebenso unsichtbaren wie hartnäckigen Begleiter zu kommen. Sie alle haben eigene Sorgen – Amin etwa wird von Krampfadern und Rückenproblemen vom stundenlangen Herumstehen geplagt –, von denen sie mir auch nichts erzählen. So kommen wir gut miteinander aus, schenken uns gegenseitig ein paar freundliche Worte und sanftes Lächeln. Nur mit dem Drive, dem Putten, dem Swing und dem Bunkerschlag, da tue ich mich noch schwer. Kein Wunder. Nach fünf ersten Übungsstunden war auch Tiger Woods wahrscheinlich nicht der Tiger Woods, zu dem er nach mehreren hunderttausend späteren Schlägen heranreifte.
Farid, dem Arganölverkäufer, Abdul, dem Halsabschneider im langen Gewand des Souvenirhändlers, der attraktiven Soukaina, die mit ihrer Mutter und ihrer Tante ein Wochenende im 5-Sterne-Hotel verbringt, Abderrahman, dem Friseur, Amin, dem Wachsoldaten am unter Palmen versteckten Königspalast in Agadir, Hasma, der Managerin der Frauenkooperative in Taghazout, Aziz, dem Golflehrer, Isabelle, der rechten Hand des Hoteldirektors, Karim, dem Berber, Marouane, dem Hilfskellner, Noura, der Oberkellnerin, Hamid, dem Minibusfahrer, Lisbeth, der Mutter der niederländischen Fix-und Foxi-Zwillinge … – ihnen allen brauche ich nicht mit meinem ebenso unsichtbaren wie hartnäckigen Begleiter zu kommen. Sie alle haben eigene Sorgen – Amin etwa wird von Krampfadern und Rückenproblemen vom stundenlangen Herumstehen geplagt –, von denen sie mir auch nichts erzählen. So kommen wir gut miteinander aus, schenken uns gegenseitig ein paar freundliche Worte und sanftes Lächeln. Nur mit dem Drive, dem Putten, dem Swing und dem Bunkerschlag, da tue ich mich noch schwer. Kein Wunder. Nach fünf ersten Übungsstunden war auch Tiger Woods wahrscheinlich nicht der Tiger Woods, zu dem er nach mehreren hunderttausend späteren Schlägen heranreifte.
Eine Chronik (21)
Die Lungen glitzern, die Leber leuchtet! Das wenig erfreuliche Resultat des letzten Pet Scans vor vier Wochen. Die Somatuline-Spritze hat demnach nicht gewirkt, die erste Light-Therapie nicht angeschlagen. Was nun?
Tage später Gespräch mit Dr. K. Sie erklärt die weiteren Alternativen, die nächsten Schritte.
Keine Lust, gleich wieder etwas zu notieren. Schiebe den nächsten Blogeintrag vor mir her, einen ganzen Monat lang. Fühle mich für ein paar Momente gar nicht betroffen, betrachte die Angelegenheit wie ein Außenstehender, völlig neutral und unbeteiligt. Aber die trügerische Distanz ist natürlich nicht von Dauer. Stets kommt die Einsicht, dass „es“ mich tatsächlich etwas angeht, mit Blitzgeschwindigkeit zurück.
Bevor wir nach dem letzten Röhrengeschiebe gegangen waren, hatte ich den Übersichtsplan im Flur der nuklearmedizinischen Abteilung fotografiert. Alles klar?
Tage später Gespräch mit Dr. K. Sie erklärt die weiteren Alternativen, die nächsten Schritte.
Keine Lust, gleich wieder etwas zu notieren. Schiebe den nächsten Blogeintrag vor mir her, einen ganzen Monat lang. Fühle mich für ein paar Momente gar nicht betroffen, betrachte die Angelegenheit wie ein Außenstehender, völlig neutral und unbeteiligt. Aber die trügerische Distanz ist natürlich nicht von Dauer. Stets kommt die Einsicht, dass „es“ mich tatsächlich etwas angeht, mit Blitzgeschwindigkeit zurück.
Bevor wir nach dem letzten Röhrengeschiebe gegangen waren, hatte ich den Übersichtsplan im Flur der nuklearmedizinischen Abteilung fotografiert. Alles klar?
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