Sonntag, 23. April 2017

Eine Chronik (36)


Zum dritten Mal im Bunker, erneut auf Zimmer 7. Doch diesmal ohne Bettnachbar. Alles andere wie gehabt. Nach Anmeldung im 1. OG, der Unterschrift auf diversen Einverständniserklärungen, dem Aufladen der Telefonkarte und dem Ausfüllen der Essenswunschliste packe ich mein Köfferchen aus, verteile die mitgebrachten Bücher (Novellen, die eigentlich kurze Erzählungen sind, von László Darvasi sowie das „Bauchspeicheldrüsentagebuch“ von Péter Esterházy – zufällig zwei Ungarn? Nein, in der ungarischen Literatur ist oft von Untergang und Tod die Rede …), Zeitungen, Notizhefte auf dem Nacht- und dem Esstisch.

Alles muss ruckzuck gehen. Schon kommt Schwester Gabi mit dem Blutdruckmessapparat – ein praktisches Ding auf Rädern.

143-89-92.

Nächste Patienteninformation durchlesen und unterschreiben, rasch ein paar Handyfotos schießen, weil das Sonnenlicht so froh tänzelnde Schatten auf den grellgrünen PVC-Fußboden zaubert. Auch Frau Dr. K. soll bald kommen, für ein Aufklärungsgespräch und um die üblichen Zugänge zu legen.

Warte lesend, blätternd in alten FAZ-Feuilletons, die der Vater von S. treu und zuverlässig für mich sammelt. Gleich mal auf einen schönen Satz der weitgereisten Schriftstellerin Angelika Overath gestoßen: „Wem der Tod nah ist, der wird leicht lebensmutig.“

10:20 Uhr: Frau Dr. K., Fachärztin für Radiologie, die manchmal etwas ungeduldig erscheint, hat sich Zeit gelassen und die Vene für den Zugang in der rechten Ellbogenbeuge gleich gefunden. Sitze ihr in bequemer Flanellhose und in Hotelschlappen gegenüber, was mir ein bisschen deplatziert vorkommt.

10:50: Dr. H., der leitende Oberarzt, war hier, mit der besten Nachricht seit Monaten. Die Resultate der jüngsten Untersuchungen seien sehr positiv. „Die Bilder zeigen, dass alles sehr stabil ist, keine neuen Metastasen sich gebildet haben, also genau das, was wir uns erhofft hatten.“

Uff, mit einer solchen Neuigkeit lassen sich die kommenden Stunden im Bunker doch schon viel freudiger angehen. Die Radiopeptidtherapie schlägt demnach an und kann bedenkenlos weitergeführt werden.

Daraufhin gönne ich mir eine der mitgebrachten Mandarinen und proste mir mit einem Plastikbecher Mineralwasser selbst zu – nach dem Motto auf dem Etikett: „Zum Essen, zum Wohle, zum Leben“.

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