Donnerstag, 16. November 2017

Eine Chronik (59)


Kurz nach acht Uhr auf dem Parkplatz des Klinikums. Neben dem Haupteingang steht ein Leichenwagen mit laufendem Motor, wartet. Der Fahrer starrt auf sein Handy. Der Sargraum ist leer.

Im zweiten Untergeschoss empfängt uns die ältere Krankenschwester mit dem krausen Schopf. Vor 14 Uhr werde die heutige Sitzung auf keinen Fall beendet sein, erklärt sie. Eine der beiden Kameras sei kaputt, deshalb würden die Untersuchungen diesmal etwas länger dauern. So weiß S. zumindest Bescheid und kann ihren Tag besser planen, bevor sie mich irgendwann am Nachmittag wieder abholen kommt. 

Eine Stunde später. Dr. T., die charmante albanische Assistenzärztin, stellt sich vor. Bisher haben wir uns ja noch nicht kennengelernt, stellt sie zur Begrüßung fest. Richtig, erwidere ich, aber wie war Ihr Name? Sie deutet auf das Ausweiskärtchen, das von der Brusttasche ihres weißen Kittels baumelt. Ich solle doch raten, wo sie herkomme. Osten?, mutmaße ich. Nein, nicht ganz, sagt sie. Die Buchstabenkombination S und H in ihrem Nachnamen irritiert mich. Mittelmeeranrainer?, taste ich mich vor. Ja, erwidert sie. Aber Ihr Name klingt weder italienisch noch spanisch oder französisch, sage ich. Also Albanien. Genau, sagt sie, übrigens völlig akzentfrei, alle Achtung! Aber wie kommen Sie nur darauf? Wegen des Hs hinter dem S, sage ich.

Dann zieht sie violette Gummihandschuhe an und versucht, mir zwei Zugänge zu legen: einen roten in den rechten Unterarm, einen blauen in den linken. Die üblichen Probleme bei der Suche nach aufnahmefähigen Adern. Am Ende klappt es in jedem Arm beim ersten Versuch. Respekt, sage ich, das bekommen nicht viele hin. Die Albanerin schmunzelt.

Zwischendurch klingelt dreimal ihr Handy. Sie klemmt es sich zwischen Schulter und Ohr und macht mit den Nadeln und Stöpseln und Pflastern einfach weiter. Einmal erklärt sie ihrem Anrufer: Ich bin grad bei der Niere.

Die Niere bin in diesem Fall ich, ein bisschen kümmerlich dasitzend, mit zwei hochgekrempelten Hemdsärmeln und einem dünnen Schal um den Hals. Dr. T. verabschiedet sich, bis später, und geht.

Erste Blutabnahme in einer Stunde. Setze mich in der Zwischenzeit ins Wartezimmer, wo heute für einmal sehr viel Betrieb herrscht. Patienten jeden Alters, wie gehabt, aus allen sozialen Schichten, sofern man das auf einen ersten, flüchtigen Blick erkennen kann. (Man kann!) Alle blicken mehr oder weniger trübselig drein. Einer zippelt an der Haut auf den Nagelbetten seiner Finger, einer wischt und tappt auf seinem Handy herum – dabei gibt es hier unten auf der Nuklearstation gar kein Netz, also spielt er vermutlich irgendein Menschenfresser- oder Massaker-Spiel –, niemand greift zu den ausliegenden Illustrierten oder liest eine Zeitung, in einem Buch. Selten fällt ein Wort.

Auch die bekannten Gesichter, die in weißen Kitteln herumlaufen, schweigen. Eine durchaus absurde Szenerie; man müsste eine Kamera aufstellen und über Stunden hinweg filmen, was auf den Fluren so alles passiert: Patienten, die kommen und wieder gehen; Personal, das von links nach rechts durchs Bild läuft und meist kurze Zeit später auch wieder von rechts nach links, einmal mit Mäppchen, einmal ohne, diverse Gestelle auf Rädern vor sich her schiebend, einen Papierstapel unter den Arm geklemmt, mit losen Zetteln in der Hand. Ein experimentelles Videoprojekt mit dem Titel „Nuclear Promenades“, ohne Mudam- oder Casino-Auftrag.

Zudem ist ein Teil des Flurs hinter einem Sichtschutz aus Plastikplanen verborgen, eine Art Baustelle auf einem der Gänge. Vorhin erwähnte jemand, dass ein alter Scanner durch einen neuen ersetzt würde.

Soeben schlich ein Mann in Zivil heran und schlüpfte hinter die undurchsichtige Wand wie hinter einen Theatervorhang. Später bewegte sich dort etwas, ein stummer Schatten hinter einem Schleier aus Milch.

9:45. Noch zehn Minuten, dann kurve ich um zwei Ecken, mache den linken Arm frei und lasse mir zum zweiten Mal Blut abzapfen. Manchmal wird in den Warteräumen aber auch so laut und ausdauernd geplappert, dass nicht an Lesen und schon gar nicht an Schreiben zu denken ist.

Noch fünf Minuten. Einer der Wartenden ist schlimm erkältet, hustet, schnüffelt und schnäuzt sich ohne Unterlass. Noch vier Minuten. Danach gehe ich nach oben, kurz an die frische kalte Luft und in der Cafeteria einen Kaffee trinken, ein Stück Gebäck essen. Hatte noch keinen Hunger, früh am Morgen.  

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